Redebeiträge 2008

Zur Hölle mit dem Abtreibungsverbot!

Redebeitrag des ak linker feminismus, 20.09.08

Vorsicht! Lebensschützer_innen!

Heute schleppen einige hundert schwarz gekleidete, schweigende Menschen weiße Kreuze vom Platz vor dem Roten Rathaus zur St. Hedwigs-Kathedrale, um “für das Leben“ zu protestieren: Dieses vom Bundesverband für Lebensrecht e.V. veranstaltete Spektakel findet alle zwei Jahre statt und könnte unter Berliner Kuriositäten abgehandelt werden, wären die selbsternannten Lebensschützer nicht so gut vernetzt und ihr Ansinnen nicht so ekelhaft: die Verschärfung des § 218 und die Zurückdrängung der Frau in ihre angeblich traditionelle Mutterrolle.

Abtreibung? Kein Thema von gestern

Anfang der 1970er Jahre setzten sich Frauen in der BRD für die Abschaffung des § 218 StGB ein, nach dem Abtreibung grundsätzlich strafbar war. Sie erkämpften einen Teilerfolg, der in einer Indikationsregelung bestand. Unter bestimmten Umständen blieb danach ein Schwangerschaftsabbruch zwar rechtswidrig, aber straffrei. Diese Regelung wurde in den 90ern nochmals modifiziert und verschlechterte die Situation für die Frauen der Ex-DDR, die nun für einen Schwangerschaftsabbruch eine formale Erlaubnis brauchten.

Das Entscheidende: die Entmündigung und Bevormundung von Frauen blieb erhalten. In Zwangsberatungen müssen sie über ihre Entscheidung für oder gegen eine Schwangerschaft Rechenschaft ablegen. Ein Recht auf Schwangerschaftsabbruch gibt es nicht. Die Indikationsregelung sieht nicht vor, dass Frauen keine Kinder wollen. Frauen müssen in vielen Fällen selber bezahlen. Sie können nicht selbst bestimmen, ob sie Kinder haben wollen oder keine und wenn ja, wieviele! Und Selbstbestimmung ist, worum es geht!

Ungewollte Schwangerschaften wird es immer geben. Da Abtreibungen immer und unter allen Umständen stattfanden und -finden, geht es im Streit um den § 218 nicht darum, ob, sondern wie abgetrieben wird. In Ländern mit sehr restriktiver Gesetzgebung, die die Zahl der Abtreibungen übrigens nicht minimiert, finden diese unter schlechten medizinischen und hygienischen Bedingungen statt. Weltweit stirbt alle 8 Minuten eine Frau an einer illegalen, unsicheren Abtreibung.

Moderne Reaktionäre

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts sind die Abtreibungsgegner_innen in der ganzen Welt in der Offensive. Längst kämpfen sie wieder erfolgreich um Einfluss in Politik und Gesellschaft. Sie arbeiten daran, den Zugang zu und das Recht auf legale Schwangerschaftsabbrüche abzubauen. In Polen kam es 1993 unter dem Einfluss der katholischen Kirche zu einer Gesetzesverschärfung, durch die 97 % aller Abtreibungen illegalisiert werden.

Abtreibungsgegner_innen setzen sich weniger für die Verbesserung der Lebensbedingungen lebender Kinder ein als vielmehr dafür, dass ungewollte Schwangerschaften auch gegen den Willen der Schwangeren ausgetragen werden. In katholischen Ländern kommen Schwangerschaftsabbrüche übrigens besonders häufig vor.

Die Abtreibungsgegner_innen leisten mit ihrer Politik einen Beitrag zur Stabilisierung von unhaltbaren Verhältnissen, in denen Frauen die Entscheidung für oder gegen eine Schwangerschaft entzogen wird und gleichzeitig Reproduktionsfragen zu ihrer Privatsache erklärt werden. Wer sie einfach als skurrile Randerscheinung abtut, übersieht, dass ihre Moralvorstellungen gesellschaftliche Relevanz haben. Sie propagieren ein „Zurück an den Herd“ in modernem Gewand: Ausgestattet mit Erziehungsgehalt und gesellschaftlicher Anerkennung als „Zukunftsanwältinnen“ sollen Frauen als Mütter ins Haus zurückkehren. So sprechen „Lebensschützer“ Bedürfnisse nach Sicherheit, Orientierung und Anerkennung in einer verunsichernden Gegenwart an – sowohl von Frauen als auch von Männern.

„Das Leben“, um das es ihnen geht, ist nicht das konkrete Leben der Leute im Hier und Jetzt, sondern so absolut und unhintergehbar wie der liebe Gott im Himmel. Sie glauben, dieses religiös überhöhte, abstrakte „Leben“ sei im Embryo verortet. Unbestreitbar lebt ein Embryo, denn er ist nicht tot, unbestreitbar ist er menschlich, denn er ist kein Fisch. Allerdings ist ein Embryo kein Individuum und kein soziales Wesen, dem man Rechte zusprechen könnte, zu dessen Anwalt man sich machen kann. Doch genau das ist es, was die „Lebensschützer“ tun. Der Embryo, losgelöst vom weiblichen Körper in seiner Schutzhülle treibend: Moderne Bildgebungsverfahren und medizinischer Fortschritt haben dieses Bild in unser aller Köpfe verankert. Es konstruiert den Embryo als eigenständiges Subjekt und negiert zugleich die Frau, andererseits stellt es sie aber auch her: in reduzierter Form, als Gefäß, als Mutter.

Dieser Mix aus verstaubt anmutender patriarchaler Rollenvorstellung und modernen Referenzen in Richtung Familienpolitik und Wissenschaft dient vor allem einem: Eine vermeintlich natürliche, göttlich vorgeschriebene Ordnung zu propagieren, in deren Zentrum die patriarchale, heterosexuelle Kleinfamilie steht und damit herrschende Reproduktions- und Gesellschaftsverhältnisse zu stabilisieren.

Selbstbestimmung? Aber nicht nur über den eigenen Bauch!

Frauen und Transmenschen sollen selbst bestimmen können, ob sie eine Schwangerschaft austragen wollen oder nicht. „Lebensschützer“, Politiker_innen, Richter_innen, Mediziner_innen und Expert_innen wollen verfügen, was Recht und Moral, was gesund und normal ist. Sie maßen sich an, über Körper, Fruchtbarkeit, Sexualität und Beziehungen zu bestimmen. Sie reden vom Leben und meinen die menschliche Ressource, die lebendige Arbeitskraft. Sie behaupten, „das Leben“ zu schützen und gönnen keine_r, ihr_sein Leben selbst zu gestalten und zu genießen.

Unter den geltenden Abtreibungsregelungen ist Frauen Selbstbestimmung jetzt schon nicht nur möglich, sondern wird ihnen regelrecht aufgezwungen. Die Kriterien, nach denen sie sich selbst bestimmen sollen, finden wir allerdings zum Kotzen. Wer „gesund“, „normal“ und eine effiziente Arbeitskraft ist, soll ebensolche Kinder gebären. Das sind die Kriterien der kapitalistischen Verwertungslogik.

Ihre Durchsetzung erfolgt meistens nicht durch direkten Zwang, sondern in scheinbar freier Entscheidung der Einzelnen. Gut ausgebildete, deutsche Frauen, deren Chromosomensatz und Sozialverhalten eindeutig weiblich sind, sollen im passenden Alter gefälligst frei und selbst bestimmen, Kinder zu gebären, die wie sie selber keine Behinderung und keine genetische Disposition zu „Fettleibigkeit“ und Nikotinsucht haben. In Eigenverantwortung haben die Mütter ihrem Kind nicht nur eine bildungsnahes Milieu und damit optimale Wettbewerbsvoraussetzungen zu bieten, sondern auch einen liebevollen Papi, dessen Einkommen circa 25 % höher ist als ihr eigenes.

Sollte dank fortgeschrittener Pränataldiagnostik ein Risiko festgestellt werden, dass eine Schwangere mit soundsoviel Wahrscheinlichkeit ein „behindertes“ Kind bekommen könnte, wird ihr von Ärzt_innen, Verwandten und Bekannten nahe gelegt, sorgfältig abzuwägen, wie sich ihr Wunsch nach Selbstbestimmung mit der Behindertenfeindlichkeit dieser Gesellschaft in Übereinstimmung bringen lässt.

Falls arme Frauen, Migrantinnen oder Teenager sich dafür entscheiden, Kinder zu bekommen, wird deren gesellschaftlicher Ausschluss zu ihrem persönlichen Problem gemacht. Nicht etwa die skandalös niedrigen Einkommen, rassistische und soziale Diskriminierung, sondern die mangelhafte Kinderstuben werden ausführlich als bloß individuelles Problem öffentlich erörtert. Es sind ihre Kinder, die dafür verantwortlich gemacht werden, dass „Deutschland“ beim PISA-Test schlecht abschneidet, und es sind ihre Kinder, die in die Jugendknäste gesperrt werden. Von der viel gepriesenen Eigenverantwortung ist nicht mehr die Rede, wenn Jugendamt und Polizei kontrollieren, ob der Abwasch gemacht und der Kühlschrank gefüllt ist.

Wir wollen nicht nur selbst über unsere Bäuche, Herzen und Kühlschränke bestimmen, sondern auch über die Voraussetzungen, unter denen wir sie füllen und leeren.

Wir fordern bessere Verhütungsmittel, die die Gesundheit nicht schädigen und das Lustempfinden nicht beeinträchtigen. Wir brauchen offene Beratungsstellen im Interesse der Betroffenen und ohne jeden Zwang. Wir brauchen schonende und für alle kostenlos zugängliche Abtreibungsmöglichkeiten.

Wir fordern, den § 218 endlich aus dem Strafgesetzbuch zu streichen.

Im Übrigen sind wir der Meinung, dass das System der Zweigeschlechtlichkeit sowie Patriarchat und Kapitalismus schleunigst zerstört werden müssen.

Für eine von gleichberechtigten Individuen basisdemokratisch organisierte Gesellschaftsordnung!

ak linker feminismus

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2 Antworten zu „Redebeiträge 2008“

  1. “Und bist du nicht willig so brauch ich Gewalt“ « mädchenblog sagt:

    [...] zu machen, ich dachte, es sei mal wieder ein Grundsatztext angebracht. Es handelt sich um einen Redebeitrag des Antifaschistischen Bündnis’ Südost vom 20.09.08. Ich will mich ihm nicht in jeder Formulierung anschließen, finde ihn aber prinzipiell richtig, [...]

  2. Wohin? « prekba – prekäres babylon sagt:

    [...] Raumerweiterungshalle: AK linker Feminismus präsentiert die Filmreihe Blaufrau „Other People’s Children“ R: Beth M. Botshon USA [...]

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