Pro-Life als Moraldiktatur
Redebeitrag der Forschungsgruppe Christlicher Fundamentalismus, 20.09.08
Die Frage, wann eine befruchtete menschliche Eizelle als Leben bezeichnet werden kann, ist eine gesellschaftlich umstrittene. In der Geschichte der Menschheit gab es darauf die unterschiedlichsten Antworten und daraus folgend auch die unterschiedlichsten Regelungen. Ein Extrem stellten dabei Gesellschaften dar, in denen ein Kind erst als lebend galt, wenn es nicht nur geboren war, sondern zudem auch vom Vater anerkannt wurde. Diese Vorstellung teilt heute wohl niemand mehr, nicht nur weil sie auf einem radikal patriarchalen Familienbild basierte, indem der Vater als alleinigen Herr über Leben und Tod galt und die Familienangehörigen als reine Abhängige.
Ein anderes Extrem stellen radikal-christliche Gruppen dar, die behaupten, dass jede befruchtete Eizelle einen Menschen darstellen würde und deshalb jede Abtreibung eine Kindstötung sei. Diese Position vertreten die sogenannten Lebensschützerinnen und Lebensschützer, gegen die wir heute demonstrieren.
Wenn man sich klar macht, wie diese letztgenannte Vorstellung zustande kommt, versteht man, dass diese Gruppen insgesamt der Gesellschaft, dem Staat und allen Individuen ihren eigenen Glauben aufzwingen wollen. Wie gesagt: es gibt keine eindeutige Grenze, ab wann eine befruchtete Eizelle als Lebewesen zu gelten hat. Dies hängt vielmehr von der Entscheidung der einzelnen Frau ab. Entscheidet sie, dass sie als Schwangere ein Kind bekommen will, wird der Embryo als Lebewesen behandelt. Beispielsweise interpretieren Ärztinnen und Ärzte die Bilder einer Ultraschalluntersuchung dann so, dass sich in diesen das zukünftige Kind entdecken lässt. Denn so gerne die sogenannten Lebensschützerinnen und Lebensschützer auch Ultraschallbilder von Schwangeren in ihren Publikationen benutzen, so falsch ist deren Überzeugung, dass auf diesen jeder Mensch zukünftige Kinder entdecken würde. Es wird eine Interpretationshilfe benötigt, um auf diesen Bilder etwas zu entdecken. Diese Interpretationshilfe kommt zumeist von Ärztinnen und Ärzten. Aber auch der Glauben, dass da immer ein Kind zu entdecken sein muss, kann als Interpretationshilfe wirken.
Entscheidet sich eine Frau für einen Schwangerschaftsabbruch, werden die Ultraschallbilder auch anders interpretiert. Ohne Interpretationshilfe ist auf ihnen auch kein Kind zu sehen.
Das ist im Allgemeinen nichts Verwunderliches: die meisten Bilder, die von medizinischen oder wissenschaftlichen Apparaten stammen, sind interpretationsbedürftig: Statistiken, Bilder aus Mikroskopen, Bilder aus Teilchenbeschleunigern und halt auch Ultraschallbilder.
Für radikale Christinnen und Christen ist das aber unerträglich. Sie bestreiten, dass Frauen selber darüber bestimmen sollen, ob sie ein Schwangerschaft abbrechen wollen oder ob sie lieber ein Embryo als zukünftiges Kind ansehen wollen. Diese Forderung ist für sie einfach unvorstellbar. Eine solche Entscheidungsfreiheit würde jeder Frau eine Macht über ihren Körper zugestehen, welcher dem gesamten Weltbild des radikalen Christentums vollständig widerspricht.
Radikale Christinnen und Christen leben in dem Glauben, dass es eine klare Hierarchie in der Gesellschaft und in der Familie gebe, der gefolgt werden müsse, um die Welt zu retten. Die Frau hat dem Mann Untertan zu sein, den Institutionen des Staates ist immer zu gehorchen und so weiter. Selber darf ein Mensch nur etwas entscheiden, wenn er oder sie von einer höheren Macht dazu aufgefordert wird. Und über allen Menschen ist in diesem Weltbild Gott der Herrscher. Gott allein bestimmt diesem Glauben nach, was auf der Welt passiert, er allein ist für den Erfolg und Misserfolg von Menschen zuständig. Und er ist deshalb auch der einzige, der darüber bestimmen darf, wer lebt und wer nicht lebt. Dass ist das gedankliche Zwangskorsett des christlichen Fundamentalismus. Und in dieses Zwangskorsett soll die gesamte Menschheit gezwängt werden.
Die Idee, das jede befruchtet menschliche Eizelle als Leben zu gelten hat, funktioniert nur, wenn man behauptet, dass einzig eine göttliche Instanz darüber bestimmen darf, wann Leben beginnt. Der Fakt, dass es sich bei dieser Frage, wann Leben beginnt, vielmehr um eine gesellschaftliche Auseinandersetzung und die individuelle Entscheidung jeder einzelnen Schwangeren handelt, widerspricht diese Weltbild radikal. Wenn eine Schwangere das entscheiden darf, ist da kein Platz für einen Gott, der alles vorherbestimmt. Und dieser Gedanke wäre ein Horror für Menschen, die im beschriebenen gedanklichen Zwangskorsett leben. Dies ist der Hauptgrund, warum christliche Fundamentalistinnen und Fundamentalisten Frauen das Recht absprechen wollen, selber über ihren Körper zu bestimmen. Dies ist auch der Grund, warum sie jede andere Meinung zu diesem Thema verteufeln.
So sehr sie auch versuchen, ihrer Argumente mit erfundenen, massiv übertriebenen oder vollkommen aus dem Zusammenhang gerissenen Zahlen und Theorien als medizinische Wahrheit zu verkaufen, und so sehr sie dabei erfolgreich an patriarchale und religiöse Diskurse innerhalb der Gesellschaft anschließen können, so sehr sind ihre Argumente einzig gültig, wenn man ernsthaft glaubt, dass kein Mensch sein eigenes Schicksal mitbestimmen könnte. Nur wer glaubt, dass es einen Gott gäbe, dem man immer und unter allen Umständen gehorchen müsse, weil man ansonsten auf ewig in die Hölle kommen würde, kann dem Hauptargument der Lebensschützerinnen und Lebensschützer, nämlich dass jedes Embryo schon ein Lebewesen sei, zustimmen. Und deshalb ist der Versuch der christlichen Fundamentalistinnen und Fundamentalisten, ihre Ansichten zum Schwangerschaftsabbruch in der Gesellschaft und der Gesetzgebung zu verankern, grundsätzlich ein Versuch, der gesamten Menschheit ihr Weltbild aufzuzwingen. Neben ihrer unverkennbaren antifeministischen Stoßrichtung, richtet sich diese Bewegung, gegen die wir heute demonstrieren, also auch gegen ein basales Recht jeder säkularen Gesellschaft, nämlich das Recht, irgendeine Religion als die eigene zu wählen oder einfach atheistisch zu leben.


November 25, 2008 um 12:47
[...] zu machen, ich dachte, es sei mal wieder ein Grundsatztext angebracht. Es handelt sich um einen Redebeitrag des Antifaschistischen Bündnis’ Südost vom 20.09.08. Ich will mich ihm nicht in jeder Formulierung anschließen, finde ihn aber prinzipiell richtig, [...]
Juli 16, 2009 um 4:23
[...] Raumerweiterungshalle: AK linker Feminismus präsentiert die Filmreihe Blaufrau „Other People’s Children“ R: Beth M. Botshon USA [...]