„Umgestaltung“ eines „Mahnmahls“ für „die abgetriebenen Kinder“

Wir dokumentieren ein „Bekenner*innenschreiben“:

Heimsuchung – Mahnmahl für die “abgetriebenen Kinder” umgestaltet

„Sag mir, wo die Kinder sind. In Gedenken an die abgetriebenen Kinder“ sagt ein kleiner Gedenkstein im thüringischen Seitenroda, der nicht zufällig auf dem Gelände des (ehemaligen) AfD-Politikers Matthias Wohlfarth steht. In der Nacht vom 16.09 auf den 17.09.2017 waren die Totgeglaubten vor Ort um das Denkmal umzuwidmen – in Erinnerung an die Opfer der europäischen Hexenverfolgung, deren Zahl in die Zehntausende geht und die im 15. Jahrhundert auch in Seitenroda zu beklagen waren. Die Ideologie dieses frauenverachtenden Wahns scheint dort ungebrochen. Noch immer proklamiert man – im Namen einer kindlichen Unschuld – eine Politik der Beherrschung weiblicher* Körper und steht für ein Weltbild, welches das Leben von geborenen Frauen* als weniger Wert betrachtet als dasjenige, einer emotionalisierten Vorstellung vom sogenannten „ungeborenen Leben“. So suggerieren auch die Inhaber_innen des Hauses Bethlehem, auf deren Hof der Stein steht, es handle sich bei den abgetriebenen Föten um „Kinder“ und machen somit aus Ärzt*innen und den Frauen, die sich für einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden, Mörder*innen.

Damit gehört Matthias Wohlfarth jener Bewegung an, die sich selbst euphemistisch „Lebensschutz“-Bewegung nennt. Hinter diesem blumigen Begriff verbergen sich Abtreibungsgegner*innen, denen der legale bzw. straffreie Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen ein Gräuel ist und die sich wohl Zeiten zurückwünschen, in denen tausende Frauen auf den Küchentischen von irgendwelchen Kurpfuschern verblutet sind, im Gefängnis gelandet oder umgebracht wurden. Geändert hat sich dies global gesehen noch immer in sehr wenigen Staaten – Schätzungen von „terre de femme“ zu Folge sterben jährlich 48.000 Frauen an unsachgemäß durchgeführten Schwangerschaftsabbrüchen.

Diese Art repressiver Körperpolitik gegen Frauen* hat Tradition. So ist das Bild der Hexe im kulturellen Gedächtnis nur ein Überbleibsel dessen, was sich historisch während des 15. und 16. Jahrhunderts abgespielt hat. Die gewaltsame Einrichtung einer arbeitsteiligen kapitalistischen Gesellschaft ist mit der Enteignung von Bauer*innen nur zur Hälfte
erzählt. Im Zuge der Hexenverfolgungen fand die Einhegung nicht nur auf der Seite der Produktionssphäre statt, sondern auch im reproduktiven Bereich. So wurden Frauen*, die sich nicht der neuen Rollenordnung fügten als bedrohlich für die ganze Gemeinschaft stigmatisiert und hingerichtet oder anderweitig bestraft (im Einzelfall gab es allerdings auch männliche Opfer der Hexenverfolgung). Gesammeltes Wissen von Frauen* welches sich außerhalb christlicher Orthodoxie befand, galt es zu beseitigen. Frauen*, die mithilfe dieses Wissens und der Erfahrungen über ihren eigenen Körper bestimmten – wozu eben auch das Wissen über Schwangerschaft und die Möglichkeiten der Abtreibung gehört – waren in den Augen der Inquisitoren und ihren Vollstreckern ein Dorn im Auge. Bis heute – sowohl als religiös-abergläubige Ausschreitung unter neokolonialen Verhältnissen, als auch in Fortschreibung partiarchaler
Strukturen moderner Gesellchaften – finden auf der ganzen Welt solche frauenverachtenden Politiken und Gewalttaten statt. Es ist deshalb blanker Hohn gegenüber den Betroffenen eines jeden religiösen Fundamentalismus, wenn anstelle dieser lebenden Menschen die imaginierte Reinheit und Unschuld in persona betrauert wird. Rein und
unschuldig kann in der Tat nur etwas sein, was nie existiert hat. So sehen wir uns Heute folgender Situation gegenüber: Eine Gesetzgebung, die Schwangerschaftsabbrüche weiterhin (wenn auch unter bestimmten Bedingungen straffrei) kriminalisiert und die die betroffenen Frauen zwingt sich für Entscheidungen zu rechtfertigen, die nur ihren eigenen Körper betreffen. Gleichzeitig läuft die (Neue) Rechte gegen diesen erkämpften Kompromiss Sturm und fordert noch restriktivere Gesetze. Wir werden weiterhin Antifeminismus und Frauen*verachtung bekämpfen,
egal ob in Gestalt reaktionärer Bewegungen oder den sexistischen Verhältnissen als solchen.

Deswegen: In Gedenken an die Opfer der Hexenverfolung. Die Mörder von Gestern sind die „Lebensschützer“ von Heute!
My Body – My Choice.

gezeichnet Walpurga Hausmännin und die Totgeglaubten“

Ein Video von der Aktion gibt es hier.

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Veröffentlicht unter Allgemein

GID: Thema zu pränatalem Bluttest

Die Möglichkeit, aus dem Blut der Schwangeren DNA des Fötus zu isolieren und auf Trisomien zu testen, ist ein Instrument der selektiven Pränataldiagnostik (PND). Obwohl dessen Auswirkungen erst ansatzweise diskutiert sind,  soll es bereits in die Krankenkassenversorgung integriert werden. Mit einer Einschätzung zur Entscheidung des Gemeinsamen Bundesausschusses, ein Methodenbewertungsverfahren zur nicht-invasiven Pränataldiagnostik einzuleiten, einer Analyse der Studienlage zur Genauigkeit des Bluttest (Spoiler: ist die falsche Frage) und einer Polemik gegen die Versuche von Lebensschützern, das Thema zu besetzen .

Jungle World: Thema zur Global Gag Rule

In der Jungle World Nr. 7 vom 16. Februar 2017: Artikel zu abtreibungsverweigernden Ärzten in Italien, derm Kult um das „ungeborene Leben„,die anti-choice-Maßnahmen der Trump-Regierung und zu der Hoffnung, die auch deutsche „Lebensschützer“ auf Trump setzen. Lesenswert!

Women on waves: Abtreibungsschiff in Guatemala

Das Schiff, mit dem die niederländische NGO Women on Waves Abtreibungen in internationalen Gewässern durchführt, ist seit dem 22. Februar in Guatemala und wird zur Zeit vom Militär im Hafen festgehalten. Die NGO protestiert mit der Aktion gegen das sehr restriktive Abtreibungsgesetz. Updates gibt es hier.

Stellungnahme von 20 Gruppen gegen selektive Pränataldiagnostik

Anlässlich der Sitzung des Gemeinsamen Bundesausschuss am 16. Februar, auf der es um die Einführung von nicht-invasiven pränatalen Tests (NIPT) auf die Trisomien 13, 18 und 21 in die reguläre Schwangerenversorgung ging, haben behinderten- und frauengesundheitspolitische Organisationen zusammen eine Stellungnahme veröffentlicht, die sich gegen die weitere Normalisierung selektiver Pränataldiagnostik ausspricht. Sie fordern eine andere Art der gesellschaftlichen Auseinandersetzung um Schwangerenvorsorge und Behindertenfeindlichkeit.

23.-25 Juni in Berlin: Tagung des Netzwerks gegen Selektion durch Pränataldiagnostik

Unter dem Titel Pränataldiagnostik – eine organisierte Verantwortungslosigkeit!? wird es spannende Vorträge, Wokshops, Vernetzung und eine Lesung geben:

Werdenden Eltern werden durch die Pränataldiagnostik von Anfang der Schwangerschaft an permanent Entscheidungen abverlangt. Im Ernstfall sind das höchst konfliktreiche und eigentlich unmögliche  Entscheidungen über das erwünschte Kind, Entscheidungen, die die meisten Paare als Zumutung erleben und die sie nie treffen wollten.Alle Berufsgruppen wirken mit und keiner will es eigentlich – noch (?) gibt es einen Konsens in unserer Gesellschaft, dass Selektion keinen Platz hat…

Plenumsvorträge beschäftigen sich mit der Verantwortung der Berufsgruppen und der Politik, der Rolle der Zivilgesellschaft und den ökonomischen Steuerungsmechanismen von Angebot und Nachfrage zu Pränataldiagnostik.

Verschiedene Arbeitsgruppen fragen u.a., ob es eine therapeutische, nicht-selektive Pränataldiagnostik gibt, wie die sozialen Medien zur Netzwerkbildung genutzt werden können oder berichten über den Stand des TAB-Berichts zu Pränataldiagnostik.

Eine Podiumsdiskussion wird das Tagungsthema bezogen auf den genetischen Bluttest als einer künftigen Kassenleistung beleuchten.

Das ausführliche Tagungsprogramm wird demnächst veröffentlicht, Voranmeldungen zur sind bereits jetzt möglich übernetzwerk2017@web.de.