Smash § 218 // Gegen 1000 Kreuze: Bericht von der Kundgebung

Das Bündnis Gegen Abtreibungsverbot // Gegen christlichen Fundamentalismus hatte für Samstagmorgen zu einer Kundgebung an der Spandauer Str./ Ecke Karl-Liebknecht-Str. aufgerufen. Anlass war der alle zwei Jahre stattfindende „Trauermarsch“ des Bundesverbands Lebensrecht e.V. Mit diesem Marsch wird gefordert, das Recht auf Abtreibung weiter einzuschränken. Die selbsternannten Lebensschützer zeichnen sich dabei durch ein christlich-konservatives Weltbild aus, ihre Vorstellung von Gesellschaft sieht die heterosexuelle, patriarchale Kleinfamilie im Zentrum. Homosexualität, Feminismus und emanzipatorische Bewegungen sind den Lebensschützern ein Graus. Bei aller Ordnungsliebe gehört Rechnen allerdings nicht zur Stärke der Christ_innen: Nach eigenen Angaben schleppten ca. 1000 von ihnen ihr Kreuzlein durch Berlins Mitte, realistische Schätzungen gehen von maximal 400 Teilnehmer_innen aus. Das sind damit ca. 150 Christ_innen weniger als vor zwei Jahren. Ähnlich schwer fällt den „Lebensschützern“ die Berechnung der Anzahl der Abtreibungen in Deutschland: Der Bundesverband Lebensrecht spricht von 250.000 Abtreibungen für 2007, tatsächlich waren es ca. 117.000. Oder sollte da etwa jemand gegen das achte Gebot verstoßen haben? Nach eigenen Angaben erhielten die „Lebensschützer“ nicht nur Unterstützung von diversen obskuren evangelikalen Gruppierungen, sondern auch von Politiker_innen der CDU, u.a. der Vorsitzenden der Frauen-Union, Maria Böhmer.


Die Kundgebung des von feministischen und antifaschistischen Gruppen getragenen Bündnisses wandte sich bunt und laut gegen die Zumutung, sich die verstaubt- verschwurbelten Gesänge der Christ_innen anhören zu sollen, ebenso wie gegen den Paragraphen 218, der Abtreibung in Deutschland nach wie vor als Straftat wertet. Gegen 11.30 versammelten sich ca. 150 Menschen in der Spandauer Straße. Mit Transpis, lauter Musik, einer Sambagruppe, Konfetti, Luftballons, Lebensfreude und diversen Redebeiträgen wandten sie sich gegen christlichen Fundamentalismus, gegen den §218, gegen den heterosexistischen Normalzustand. Weitere Menschen bewegten sich zwischen den Christ_innen, um auch in deren Leben ein wenig Farbe und Intellekt zu bringen. Die Redebeiträge wurden gehalten vom ak linker feminismus, der Forschungsgruppe Christlicher Fundamentalismus, Gisela Notz aus dem Bundesvorstand von pro familia und dem Antifaschistischen Bündnis Südost. Sie sind auf der Webseite des Bündnisses dokumentiert.
Bereits zu Anfang der Kundgebung verloren die für unser aller Schutz anwesenden Polizist_innen offenbar alle Nerven. Zwei Personen, die sich auf Grund der Änderung des Kundgebungsortes gegen 11.45 Uhr noch am Neptunbrunnen aufhielten, wurden von Polizisten brutal festgenommen, ebenso wie eine weitere Person, die sich unter die Christ_innen gemischt hatte. Im weiteren Verlauf der Kundgebung wurden die Teilnehmer_innen immer wieder aufgefordert, nicht die Straßenseite zu wechseln, es wurden Platzverweise erteilt. Das Verhalten der Polizei war unverhältnismäßig aggressiv, die rechtlichen Begründungen eher fadenscheinig.
Gegen 12.45 Uhr machten sich die Christ_innen am Neptunbrunnen bereit, ihre Kreuze zu schultern. Die Begegnung mit Lesben und Emanzen schien sie aber so sehr zu ängstigen, dass die Route des Schweigemarsches kurzfristig geändert werden musste, und so ein Vorbeimarschieren der Christ_innen an der Gegenkundgebung vermieden wurde. Nachdem die Kundgebung des Bündnisses aufgelöst wurde, machten sich Kleingruppen auf den Weg, um die „Lebensschützer“ weiterhin auf ihrem schweren Gang zu begleiten. Trommeln, Fahrradklingeln, Konfetti, laute Sprüche, Kondome und Brauseherzen kamen dabei zum Einsatz.


Ein weiteres Zusammentreffen von „Lebensschützern“ und Gegendemonstrant_innen gab es am Bebelplatz. Die Hedwigskathedrale, in der ein ökumenischer Gottesdienst den Abschluss der Veranstaltung bilden sollte, wurde mit Kondomen und Flyern verschönert. Eine Gruppe von ca. 20 Aktivist_innen hießen die Christ_innen sodann mit Konfetti und Sprechchören willkommen. Ein Versuch, die gerade vorbeiziehendenden Teilnehmer_innen der Afghanistan-Demo für lautstarken Protest gegen die Christ_innen zu begeistern scheiterte leider an völligem Desinteresse seitens der Demo. Um so mehr Interesse am Mitspielen zeigte leider Team Green. Schon bei Betreten des Platzes wurden mit der Begründung Platzverweise erteilt, das die Personen bereits an der anderen Kundgebung teilgenommen hätten. So wurde die Gruppe Protestierender von den Polizist_innen bis zur Straße Unter den Linden abgedrängt. Doch auch in der Kirche konnten die Christ_innen nicht ganz ungestört verweilen. Zwei Blasfeministinnen gelang es, sich unter die Irrgläubigen zu mischen. Sie rissen sich die T-Shirts vom Leib, küssten sich und bekundeten ihre Ablehnung christlichen Unfugs, bis sie von Polizist_innen abgeführt wurden.
Insgesamt ist das Konzept von Kundgebung und dezentralen Aktionen gut aufgegangen. Ein breites Bündnis von antifaschistischen und feministischen Gruppen hat eine vielfältige Kritik an christlichem Fundamentalismus, Heterosexismus, Patriarchat und kapitalistischem System zum Ausdruck gebracht. Im Angesicht der Mobilisierung nach Köln (an dieser Stelle: Thumbs up für die Antifaschist_innen in Köln!!!) und der zeitgleich stattfindenden Afghanistan-Demo ist die zahlenmäßige Beteiligung an der Kundgebung zufriedenstellend. Der Bundesverband Lebensrecht hat angekündigt, den geschmacklosen Trauermarsch nicht mehr zweijährlich, sondern jährlich abhalten zu wollen – das Bündnis gegen Abtreibungsverbot und christlichen Fundamentalismus kann sich also auf noch buntere, lautere und größere Aktionen im nächsten Jahr vorbereiten.

Kein Gott – Kein Staat – Kein Patriarchat!

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11 Gedanken zu „Smash § 218 // Gegen 1000 Kreuze: Bericht von der Kundgebung

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