Jungle World: Zur Abtreibungssituation in Mexiko

Die Allianz schlägt zurück

In Mexiko-Stadt ist eine Abtreibung in den ersten zwölf Schwangerschaftswochen ­legal. Die katholische Kirche und die Regierungspartei Pan wollen diese Regelung aufheben. In 18 Bundesstaaten haben sie bereits durchgesetzt, dass Abtreibung als Mord bestraft werden kann.

von Kathrin Zeiske, Jungle World Ausland, 22.04.2010

Patricia* hat voriges Jahr abgetrieben. »Ich will meinen Doktor machen, vielleicht im Ausland, und ich weiß nicht, ob ich mir eine Familie mit meinem gegenwärtigen Freund vorstellen kann. Generell kann ich gar nicht mit Sicherheit sagen, ob ich Kinder haben möchte. Als der Bluttest beim Frauenarzt positiv ausfiel, wusste ich sofort, ich will das Kind nicht. Ich konnte augenblicklich in eine Klinik gehen. Zwei Stunden später war alles vorbei. Das war eine große Erleichterung für mich, dass alles so schnell und unkompliziert verlief.«

Seit drei Jahren gilt in Mexiko-Stadt die Fristenlösung, sie wurde nach heftigen Debatten vom Parlament der Hauptstadt verabschiedet, die als Bundesbezirk Autonomierechte genießt (Jungle World, 18/07). Patricia ist eine der insgesamt fast 38 000 Frauen, die nach Angaben der mexika­nischen Gesundheitsbehörde seitdem einen Schwanger­schaftsabbruch durchführen ließen. Bis zur zwölften Woche sind Abtreibungen legal und kostenfrei, die Frauen müssen keine Begründung angeben.

In Mexiko wurde bereits im Jahr 1931 ein Gesetz erlassen, das die Abtreibung nach einer Vergewaltigung ermöglicht. Dieses Gesetz war eine Errungenschaft der frühen feministischen Bewegung, es ging auf die Diskus­sion um die gestiegene Zahl von Schwangerschaften aufgrund von Vergewaltigungen nach der Mexikanischen Revolution zurück. Derzeit sind Mexiko-Stadt, Kuba, Puerto Rico und Guayana die einzigen Gebiete in ganz Lateinamerika, in denen Schwangerschaftsabbrüche nicht kriminalisiert werden.

Nachdem eine Allianz aus katholischer Kirche, rechten Politikern und Neonazis im Jahr 2007 erfolglos gegen die Reform in der progressiven Hauptstadt protestiert hatte, konzentrierte sich die regierende Partei der Nationalen Aktion (Pan) auf das Hinterland. Auf ihre Initiative hin wurde in nunmehr 18 der 31 Bundesstaaten ein »Recht auf Leben vom Moment der Empfängnis an« eingeführt. Frauen können nicht mehr nur für eine Abtreibung bestraft, sondern wegen Mordes angeklagt und zu einer Freiheitsstrafe von 15 Jahren verurteilt werden. In Veracruz sitzen deswegen acht Frauen im Gefängnis, in Puebla sind es bereits rund 30.

Der rechtskonservative Pan hat in den Parlamenten der Bundesstaaten nicht die Mehrheit, sie benötigt die Unterstützung der Partei der institutionalisierten Revolution (Pri), die Mexiko jahrzehntelang regiert hat. Diese war in den acht­ziger Jahren, was Frauenrechte anging, relativ progressiv. Doch nun sind Abtreibungen zum Politikum geworden, und der Pri scheint zu fürchten, dass der Pan bei den Präsidentschaftswahlen im Jahr 2012 von der katholischen Kirche unterstützt werden könnte. Die Kirche ist nach wie vor ein sehr wichtiger Machtfaktor im Land. Die Einflussnahme rechter katholischer Organisationen wie Opus Dei stellt den laizisti­schen Staat in Frage, derzeit auch im Hinblick auf gleichgeschlechtliche Partnerschaften.

Die mexikanische Gesellschaft ist gespalten, dem Umfrageinstitut Mitofsky zufolge sprechen sich 49 Prozent der Bevölkerung für die Möglichkeit eines legalen Schwanger­schaftsabbruchs aus, 45 Prozent lehnen eine Entscheidungsfreiheit der Frau ab.

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* Name von der Redaktion geändert

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