Von „Lebensschützern“ und Nazis

Am 31. Mai marschierten Abtreibunsgegner_innen durch Annaberg im Erzgebirge – nach Angaben der katholischen Nachrichtenagentur kath.net etwa 200. Veranstaltet wurde der Protest von den „Christdemokraten für das Leben“, beteiligt war auch der Vorsitzende der sächsischen CDU-Landtagsfraktion, Steffen Flath. Ziel der Demo war mal wieder, um „getötete Kinder zu trauern“, auch die falsche Zahl von angeblich 1000 Abtreibungen pro Werktag in der BRD wurde mal wieder propagiert.
Soweit, so unspektakulär, möchte mensch meinen.
Amüsant ist jedoch die Empörung der selbsternannten Lebensschützer über die Anwesenheit von Nazis auf ihrer Demo. Diese hielten nach Angaben von kath.net Schilder mit Sprüchen wie „Nationalsozialisten gegen Völkermord“ und „Kinder statt Inder“ hoch. Nachdem diese offenbar unerwünschten Lebensschützer der Aufforderung des Veranstalters, die Demo zu verlassen, nicht nachkamen, griff die Polizei ein, nahm Personalien von 16 Personen auf und leitete Verfahren wegen des Verdachts auf Volksverhetzung ein.
So verständlich es ist, dass auch christliche Fundamentalist_innen nicht in die rufschädigende Nähe von Nazis gerückt werden wollen, diese Nähe ist schlicht und ergreifend eine inhaltliche. Dies lässt sich schon an den Sprüchen, die in diesem Fall von den Abtreibungsgegner_innen abgelehnt wurden, ablesen. So betitelt beispielsweise Tobias-Benjamin Ottmar, wie der Veranstalter des Protests Mitglied der „Christdemokraten für das Leben“ einen Artikel im „Lebensforum“, der Zeitschrift des Abtreibungsgegner_innen-Vereins AlfA e.V. „Ein Volk stirbt im Mutterleib“. Auch Frau Kaminski, frühere Vorstizende des Bundesverbands Lebensrecht, sorgt sich um „das Aussterben des deutschen Volkes“. Hinter der angeblichen Sorge um das Leben steht also auch bei Abtreibungsgener_innen, die sich von rechtsextremen Gedankengut abgrenzen möchten, ein patriarchales und nationalistisches Weltbild.
Der Spruch „Kinder statt Inder“ stammt vom noch amtierenden Ministerpräsidenten von NRW, Jürgen Rüttgers, dessen Sorge offenbar auch die Reinhaltung des deutschen Volkes ist.
So ist es auch kein Zufall, dass etwa die Veranstalter_innen des 1000 Kreuze Marsches in München 2008 keine Probleme mit der Anwesenheit von Kameradschaftler_innen auf ihrer Demo hatten – der Inhalt von deren Flugblatt sei christlich, lediglich das Aussehen der Nazis wurde als störend empfunden. Also: Nazis und „Lebensschützer“ verstehen sich gut, solange die Nazis nicht dass Bild von den betroffenen, trauernden, in bester humanitärer Absicht handelnden Christen stören. Die Abgrenzungsversuche wie hier in Annaberg dienen der Imagepflege der christlichen Fundamentalist_innen, nicht der inhaltlichen Ablehnung rechten Gedankenguts.

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