Neuer Buprä missioniert(e?)

Von der Bundespräsidentenwahl und besonders vom unrühmlichen Gewinner Christian Wulff schwer gelangweilt, ist es uns glatt entgangen, dass der Herr Kuratoriumsmitglied bei ProChrist ist, einer missionsorientierten evangelikalen Organisation, die hauptsächlich Großveranstaltungen abhält.

Zwar will er sein Amt als Kuratoriumsmitglied zukünftig ruhen lassen, da ihm dies die Neutralität seines anderen Amtes gebiete, berichtet Mission Gottesreich, der Blog zum gleichnahmigen Buch. Er ist aber wohl kaum von selber drauf gekommen, dass diese beiden Jobs nicht miteinander vereinbar sind: Immerhin taucht er nicht mehr auf der Liste der Kuratoriumsmitglieder auf, wie Perlentaucher recherchiert hat, jedoch wurde vorher seine Berufsbezeichnung noch von „Niedersächsischer Ministerpräsident“ zu „Bundespräsident“ geändert. Da er aber damit seine Ansichten nicht geändert haben dürfte, lohnt es sich wohl, diese Organisation und Wulffs Vergangenheit mal unter die Lupe zu nehmen.

Zwar ist Wulff Katholik, befand sich in dem Kuratorium von ProChrist jedoch in illusterer Gesellschaft von Peter Hahne, Fernsehmoderator und Galleonsfigur der evangelikalen Rechten und Bischoff Huber, unangenehme Gestalten, die immer wieder wegen ihres Einsatzes für den Lebensschutz und gegen Homosexualität auffallen. Wenn es um „die Sache“ geht, funktioniert die Ökumene offenbar…

Der Hauptprediger auf ProChrist-Veranstaltungen, Ulrich Parzany redet gerne über Kreationismus, die „Unnatürlichkeit“ von homosexuellem Sex und Abtreibungen, die selbstverständlich strikt abzulehnen sei. Ein Zitat: „Praktizierte Homosexualität ist eine schöpfungswidrige Anomalie, das Christentum ist die einzige Erlösung“. Auf den Missionsveranstaltungen von ProChrist sind Homosexuelle auch unerwünscht – egal ob sie Christen sind oder nicht. Das berichtete  TV-Sender TIMM am Beispiel der ProChrist-Veranstaltung in Chemnitz. Auch geht Parzany davon aus, Homosexualität sei heilbar: „Selbstverständlich gibt es Fachleute, die die Möglichkeit sehen, dass Menschen ihre homosexuelle Neigung verändern und dass da Hilfe möglich ist“, sagte er in einem Gespräch mit dem Grünen-Politiker Volker Beck.Wer sich einen Eindruck von seinen Predigten verschaffen möcht, die gibts auf Bibel TV zu sehen, auch beim evangelikalen Sender ERF und bei youtube. Sein Vorgänger und Mitgründer von „ProChrist“ Billy Graham ist sozusagen eine Paradefigur eines missionierenden Evangelikalen.

Am 19. Mai 2010 trat Wulff laut n-tv außerdem als Redner vor dem “Arbeitskreis Christlicher Publizisten” (ACP) in Bad Gandersheim auf:

Der ACP sei “ein Vermittlungsorgan für Extremismus und Fanatismus aus der rechten Ecke, aber auch aus dem Kreis der Sektierer”, so Hansjörg Hemminger, der Beauftragte für Weltanschauungsfragen der evangelisch-württembergischen Landeskirche.

Darüber wurde auch während einer Sitzung des niedersächsischen Landtags Anfang Juni gesprochen. Diese Organisation versteht sich selbst als christlich konservativ, ist aber laut Sektenbeauftragten der evangelischen Kirche Württemberg, Hans-Jörg Hemminger als fundamentalistische Splittergruppe „am äußersten rechten Rand des Protestantismus“ (so die Zeit ) anzusehen. Sie unterhalte Kontakt mit rechten Sekten und biete ultrarechten bis rechtsextremen Parteien ein Forum. Die Zeitschrift des ACP sei ein „Schmutzblatt erster Güte“.

So gab es denn auch Kritik an der Kanidatur Wulffs zum Bundespräsidenten: Der Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung (gbs), Michael Schmidt-Salomon hat laut hdp Bedenken gegen Wulff als Bundespräsident: „Einen Mann, der im weltanschaulichen Bereich derart hinterwäldlerischen Mythen anhängt, sollte man nicht zum obersten Repräsentanten eines säkularen Staates machen!“

Und die Theologin und Journalistin Kirsten Dietrich bezeichnete “ProChrist” in einem Interview im Deutschlandradio Ende Juli 2010  als “fundamentalistische Bewegung” und forderte Wulff dazu auf, von seinem Kuratoriumsposten zurückzutreten. „ProChrist“ sei eine „Art christlicher Eventmanager“, deren Veranstaltungen man sich so vorstellen müsse wie „amerikanische Erweckungsgottesdienste“. Das Interview ist auch als Ganzes interessant, also guckt mal rein!

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