Angestrebtes Abtreibungsverbot in der Türkei: „Fortpflanzung ist eine Waffe. Und eine Mutter ist bloß ein Gefäß“.

SIBYLLE HAMANN (Die Presse)

Die Türkei will das Abtreibungsrecht verschärfen. Regierungschef Erdoğan spricht sogar offen aus, worum es dabei eigentlich geht: um Nation und Ökonomie, um Macht und Kontrolle.

Recep Tayyip Erdoğan ist ein Mann von 58 Jahren. Gemeinsam mit seiner Ehefrau hat er vier Kinder großgezogen, zwei Töchter, zwei Söhne. Erdoğan hat Wirtschaft studiert. Er war semiprofessioneller Fußballspieler. Außerdem war er jahrelang Bürgermeister von Istanbul.

Mediziner ist Erdoğan keiner. Dennoch hat er eine ausgeprägte Meinung zum Thema Kaiserschnitt. Er lehnt ihn ab, weil dieser Eingriff eine Narbe auf der Gebärmutter zurücklässt. Und obwohl er selbst kein derartiges Organ hat, hätte er die Gebärmütter anderer Menschen lieber unvernarbt. Frauen mit Gebärmutternarben scheuen manchmal nämlich davor zurück, allzu viele weitere Geburten zu haben. Kaiserschnitte, so Erdoğans Logik, führen dazu, dass Türkinnen höchstens zwei Kinder kriegen – und zwei seien zu wenig, weil es dann insgesamt zu wenig Türken und Türkinnen gibt. Aus demselben Grund will er bis Ende des Monats auch das Recht auf Abtreibung einschränken.

Seither tobt in der Türkei eine Abtreibungsdebatte. Die mit anderen Argumenten geführt wird als Abtreibungdebatten anderswo – und gerade deswegen lehrreich ist. Während in Westeuropa und in den USA nämlich stets auf religiös-moralischer Ebene gestritten wird, geht es in der Türkei nur ganz am Rande um Allah.

Erdoğans Partei, die AKP, ist zwar eine gemäßigt-islamistische Partei. Doch im Unterschied zum Christentum, das den „Beginn des Lebens“ im Augenblick der Befruchtung ansetzt, gilt der Embryo im Islam noch keineswegs als Mensch. Seine „Beseelung“ erfolgt erst im Verlauf der Schwangerschaft; je nach Rechtsschule am 40., 80. oder 120. Tag. Der Zugang zu Geburtenkontrolle, Verhütung und Abtreibung ist daher eher pragmatisch.

Während die katholische Kirche etwa von vergewaltigten Frauen verlangt, ein Kind auszutragen, kommt die ägyptische Al-Azhar-Universität in einem Rechtsgutachten zum gegenteiligen Schluss: Vergewaltigte Frauen müssten eine Schwangerschaft sofort abbrechen, „um die soziale Stabilität zu wahren“. Hier stoßen wir auf das zweite, verborgene Motiv, das mitschwingt, wenn die Fortpflanzung Regeln unterworfen wird: Es geht stets auch um die Kontrolle über den weiblichen Körper. In tausenden Jahren Menschheitsgeschichte war Fruchtbarkeit nur in Ausnahmefällen eine private Frage. Meistens war sie Mittel zu einem höheren Zweck.

Je nachdem, ob Frauen der richtigen Schicht oder Rasse angehörten, wurde die von ihnen erwünschte Kinderzahl nach oben oder unten geschraubt. Sie mussten nationales Führungspersonal erzeugen, oder bloß Kanonenfutter, Soldaten, um neue Landstriche zu erobern, oder Bauern, um diese Landstriche dann zu besiedeln. Wenn Regierende das ökonomische Heil im Bevölkerungswachstum sahen, zwangen sie Frauen zum Gebären. Versprachen sie sich Wohlstand durch weniger Bevölkerung, zwangen sie sie zum Abtreiben. Kosovo, Nordirland, Palästina: All diese politischen Konflikte wurden stets auch über Geburtenraten ausgetragen.

Speziell im türkisch besetzten Nordzypern müsse jede Frau mindestens vier Kinder gebären, meint denn auch Erdoğan. Dass Frauen über ihre Organe nicht selbst verfügen, sondern verpflichtet sind, sie leistungsfit und narbenfrei in den Dienst der Politik zu stellen – es ist wohl häufig, dass ein Politiker sich das wünscht. Aber selten, dass es einer so offen zugibt.

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