Bericht 22. vom apabiz

Das apabiz hat auf dem Blog „Berlin rechtsaußen“ einen ausführlichen Bericht über den „Marsch für das Leben“ vom 22. September veröffentlicht. Darin findet sich auch eine gründliche Einschätzung der Abtreibungsgegner_innen.

Der „Marsch für das Leben“ in Berlin

Am Samstag, den 22. September 2012 fand zum zehnten Mal der „Marsch für das Leben“ – früher „1000 Kreuze für das Leben“ genannt – in Berlin statt. Während das apabiz 2.300 Abtreibungsgegner_innen zählte, ließen Veranstalter und Polizei die offizielle Zahl von 3.000 Teilnehmenden verlauten. Die Gegenproteste waren in diesem Jahr schwächer.

Die Redner_innen des „Marsch für das Leben“ stellten freudig das Anwachsen der Bewegung fest und motivierten wiederholt die Teilnehmenden, bei den jährlich angekündigten Demonstrationen noch mehr Mitstreiter_innen mitzubringen, denn die Anwesenden seien nur ein Bruchteil der „Befürworter des Lebens“. Auch wenn das wohl alle Demonstrationsteilnehmenden zu jedem Thema so sehen, der Protestzug der Abtreibungsgegner_innen und christlichen Fundamentalist_innen ist ohne Zweifel kontinuierlich gewachsen. Auch die internationale Beteiligung hat sich verstärkt: Über 100 Jugendliche aus Polen, erkennbar an polnischen Nationalfahnen und Papst Wojtila-Fan-T-Shirts, waren angereist. Das Publikum bestand erneut zu einem Teil aus Kindern und Jugendlichen: Oft waren es auch junge Kinder, die teilweise selbst gemalte Schilder gegen Abtreibung trugen oder von ihren Eltern vorgeschickt wurden, Flyer an Passant_innen und Gegendemonstrierende zu verteilen.

Die Auftakt-Reden

Um 13 Uhr begann die ca. einstündige Auftakt-Kundgebung am Bundeskanzleramt, moderiert vom Vorsitzenden des veranstaltenden Bundesverbandes Lebensrecht, Martin Lohmann. Insgesamt zehn Redner_innen und zwei Musiker_innen traten ans Mikrofon, um zum großen Teil von eigenen Erfahrungen ihre Politik gegen das Selbstbestimmungsrecht der Frauen abzuleiten – für das Spektrum eine übliche Taktik. Die Rhetorik von Gut und Böse, von der „Kultur für das Leben“ gegen „die Kultur des Todes“, bestimmte die Reden. Die durchaus streitbare Argumentation, dass das Leben eines Menschen mit der Befruchtung anfängt (und damit ein Fötus Inhaber von allgemein gültigen Menschenrechten ist) und deswegen Abtreibung Mord sei, führte in den Argumentationen zu der Selbststilisierung als Verkünder der „Wahrheit“ – auch gegenüber denjenigen, die noch verblendet seien, wie z.B. die Gegendemonstrierende. „Wir sagen Ja zum Leben, auch für jene, die das noch nicht verstehen, ich sage Euch: Die Wahrheit wird sich durchsetzen, die Wahrheit wird uns frei machen. Ihr seid die besten Apostel der Wahrheit des Lebens, ihr seid Botschafter des Lebens, wir sind Botschafter des Lebens und so eröffne ich offiziell hiermit den Marsch für das Leben 2012 […]“, so Lohmann mit einer nicht unbedingt sensiblen Wortwahl gleich zu Beginn der Auftaktskundgebung, die Hartmut Steeb (Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz und Vorsitzender des Treffens Christlicher Lebensrechtsgruppen), im Abschlussgottesdienst in der Hedwigkathedrale wiederholte[1].

Zwischen inhaltlicher Erweiterung und alter Propaganda

Während in den ersten Jahren die Veranstaltung sich schwerpunktmäßig gegen Abtreibung aussprach, fand in den letzten Jahren eine explizite Erweiterung auf die Themen „Euthanasie“ (Sterbehilfe), PID (Präimplantationsdiagnostik) und Schwangeren-Bluttests statt, folgerichtig lautete das Motto 2012 „Ja zum Leben – für ein Europa ohne Abtreibung und Euthanasie!“ Auf der Bühne sprachen denn auch mit dem Cornelia Krüger [phon] („Mutter eines behinderten Kindes“), Ruth Kuske [phon] (Lobetalarbeit bei Celle), Prof. Dr. Holm Schneider (Kinderarzt aus Erlangen und Vorstandsmitglied von AlfA) drei Rednerinnen allein zum Thema „Behinderung“ bzw. Trisomie 21. Gerade die Forderung „Inklusion statt Selektion“ repräsentiert die liberale und humanitäre Argumentation der „Lebensschutz“-Bewegung und erweitert den Diskurs.

Mit Karin Fenbert, Geschäftsführerin der päpstlichen Stiftung Kirche in Not e.V., kam aber eine Rednerin zu Wort, die in ihrer Argumentation die alten brutalen Schlagwörter mit einem nahezu apokalyptischen Pathos bemühte:

„[…] heute ist der mütterliche Schoss von Millionen Frauen zur Mordgrube geworden. […] Heute ist es der kommunale Verbrennungsofen, in dem die Spuren des Kindermordes verwischt werden. […] Heute sind es ganze Völker, die aus Angst (um?) ihren Wohlstand ihre eigenen Kinder hinschlachten. […] die Kinder, die wir zur Welt bringen, sollen nun fast schon fast zwangsweise in Kinderkrippen abgeschoben werden, wo ihnen wichtige Mutter- und Elternliebe vorenthalten wird und ihnen schlechte Bedingungen auf den Weg gegeben werden um starke Persönlichkeiten werden. […] Denn die Gewissen sind abgestumpft und der Verstand bis an die Grenze des Irrsinns verdüstert seitdem das unauslöschliche Naturgesetz und die Jahrhunderte alte Lehre der Kirche, die für unsere Zeit ihren gültigen Ausdruck in „Humanae Vitae“ gefunden haben, nur zögern verkündet, schuldig verschwiegen und weltweit sabotiert werden.“ Sie schließt ihre Rede: „Friedensbewegungen rufen uns zur Wehrlosigkeit gegenüber Verbrechen auf, welche Friedensbewegung denkt an diesen größten Weltkrieg aller Zeiten gegen die Kinder? ((Applaus)) […] Das Blut von Millionen Kindern schreit zum Himmel. Betet, dass die Mutter aller Mütter das Tier in uns zertreten möge. Komm Herr Jesus und sei uns Sündern gnädig. ((Applaus))“

Diese alte Linie der christlichen Argumentation, die sich auch explizit gegen die als zu liberal empfundenen Amtskirchen richtet, scheint einem wesentlichen Teil der Teilnehmenden aus dem Herzen gesprochen haben, denn Fenberts Rede war oft von (meist zustimmendem) Gemurmel und vielfachem Zwischenapplaus begleitet. Mit der Teilnahme des hochrangigen Würdenträgers der Piusbruderschaft FranzSchmidberger und den verlesenen Grußworten des DVCK (Deutsche Vereinigung für eine christliche Kultur) ist dieses erzkonservative bis extrem rechte katholische Spektrum beim „Marsch für das Leben“ repräsentiert.

Höchstens 200 Feminist_innen, Antifaschist_innen und Linke protestierten am Rande der Demonstration, zu der Kundgebung des Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung kamen trotz Mobilisierung des LSVD nur knapp 100 Leute. Viele Protestierende mischten sich wie in den vergangenen Jahren unter die „Lebensschützer“ und versuchten, den Schweigemarsch mit Sprechchören und Parolen zu stören. Eine breite, kritische gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der „Lebensschutz“-Bewegung steht noch aus. Zumal mit Sophia Kuby, die auch als Rednerin auftrat, eine Lobbyistin in Brüssel sitzt, die versucht, das „Lebensrecht“ ab dem Zeitpunkt der Befruchtung auf europäischer Ebene gesetzlich anerkennen zu lassen.

Redner_innen:

Moderation: Martin Lohmann (BVL)
Frau mit ihrer 17-jährigen Tochter, die gerade ein Kind bekommen hat
Cornelia Krüger [phon]
Lohmann verliest Grußworte
Ruth Kuske (Lobetal-arbeit in Celle)
Holm Schneider
Ursula Linsin-Heldrich, Vorsitzende und Gründungsmitglied von Rahel e.V.
Claudia Wellbrock (Musikerin)
Karin Fenbert (Kirche in Not e.V.)
Karin Rüter (Fachärztin für Anästhesie)
Sophia Kuby („Lobbyistin in Brüssel für das Leben“, „europäische Bürgerinitiative für den Lebensschutz“, European Dignity Watch)
Claudia Kaminski (Vorsitzende von AlfA, Ärztin, arbeitet bei den Maltesern)
Christo P (Musiker)