Hintergrundmaterial zu Peter Singer

In der aktuellen Phase 2 gibt es einen langen Artikel zu Peter Singer, seinem ethischen Verständnis und den Protesten gegen seine Auftritte. Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion: Kirsten Achtelik: Fatale Ethik. Die Debatte um Peter Singer in der Frauen- und
Behindertenbewegung.

Ein Recht auf Leben spricht Singer also sowohl dem behinderten als auch dem »normalen Säugling« ab. Der
Grund, warum der eine getötet werden kann oder
soll und der andere nicht, liegt woanders: »Am
deutlichsten fällt häufig der Unterschied in den
Einstellungen der Eltern ins Auge. Die Geburt eines
Kindes ist in aller Regel ein glückliches Ereignis
für die Eltern. […] Es ist etwas anderes, wenn
sich herausstellt, dass der Säugling mit einer
schweren Behinderung zur Welt kommt. Natürlich
gibt es unterschiedliche Schädigungen. Manche
sind geringfügig und haben wenig Auswirkung
auf das Glück des Kindes oder seiner Eltern, andere
hingegen verwandeln das normalerweise
freudige Ereignis der Geburt in eine Bedrohung
für das Glück der Eltern und anderer Kinder, die
sie vielleicht haben.« Unter diesen angenommenen
Prämissen führt die Tötung behinderter Babys
zu mehr familiärem Glück und wird daher
empfohlen. Singer wendet seine logischen
Schlüsse auch auf nicht besonders schwer behinderte
Babys an, etwa auf Säuglinge mit Trisomie
21 oder Hämophilie (Bluter_innen). Seinen
Schlüssen nach ist es besser, ein solches Kind zu
töten, vorausgesetzt, die Frau wird erneut
schwanger und »ersetzt« somit das behinderte
mit einem gesunden Kind: Die »Gesamtsumme
des Glücks [ist] größer«, die Tötung damit gerechtfertigt.
Diese Überlegungen erscheinen Singer
völlig logisch. Ihm und seinen Verteidiger_innen
kommt es anscheinend nicht in den Sinn, wie
absurd es ist, für das Leben anderer Leute eine
objektive Glücksbilanz aufstellen zu wollen.

Michael Zander hat 2011 anläßlich der Preisverleihung der Giordano-Bruno-Stiftung an Peter Singer eine längere Analyse dessen ethischer Vorstellungen geschrieben:

Die Autoren meinen, ihre Philosophie habe nichts mit der Euthanasie der Nazis zu tun und nennen dafür drei Gründe. Ihr Vorschlag habe nicht gelautet, daß »der Staat über Leben und Tod entscheiden solle, sondern daß man Eltern die Möglichkeit geben solle (…) zu entscheiden, wann es im Interesse ihres Kindes und ihrer Familie ist, ein schwerstgeschädigtes Kind nicht leben zu lassen«. Was, so könnte man fragen, ist humaner an einer solchen »dezentralen« Euthanasie, für die der Staat Gelegenheitsstrukturen schafft? Das zweite Argument ist eine Abgrenzung gegen die faschistische »Rassenhygiene«: »Den Nazis galt ein Leben dann als lebensunwert, wenn es nicht zur Gesundheit jener mysteriösen rassischen Wesenheit, des Volkes, beitrug (…) Wir haben die Auffassung vom Volk (…) zugunsten einer individualistischen Sichtweise aufgegeben.« Ein »mitfühlendes Interesse am Wohlergehen von Individuen ist das genaue Gegenteil der Nazi-Haltung.« Das ist nun
offensichtlich ein Irrtum. Auch die Nazis appellierten an das »Mitgefühl«, nicht nur in der Propaganda – etwa in dem Film »Ich klage an« von 1941 – sondern auch im »Führerbefehl« zur Euthanasie. Darin heißt es, den »nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken« könne
»bei kritischster Beurteilung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werden.«

Der Sammelband „Tödliche Ethik. Beiträge gegen Eugenik und ›Euthanasie‹“ herausgegeben vo Theo Bruns, Ulla Penselin und Udo Sierck, Assoziation A von 1993 bietet einen Überblick über Positionen und Proteste bei Singers Vortragsversuchen Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre. Spoiler: Die Veranstaltungen mussten wegen massiver Proteste häufig abgesagt werden…

Für alte, kranke, behinderte, sozial ›abweichende‹ Personen ist in diesem Menschenbild kein Platz. Sie finden sich auf den unteren Sprossen einer Hierarchieleiter von Wertigkeiten wieder, an deren Ende der Status als Mensch selbst zur Disposition steht. An diesem Punkt setzen die Tötungsphantasien und -pläne der neuen und alten ›Euthanasie‹-Propagandisten ein. Ihr erstes Objekt sind zumeist diejenigen, die sich am wenigsten wehren können:
schwerbehinderte Neugeborene und Kinder. »Human vegetable« (menschliche Pflanzen) nennt sie Peter Singer, eine »massa carnis« (Menge Fleisches) der die Kinder-›Euthanasie durchführende NS-Arzt Werner Catel. Der Schritt zum Mord ist von dieser menschenverachtenden
Diktion aus nicht mehr weit. (S.7)

Die Broschüre „Bioethik – Lizenz zum Töten. Ein Euthanasie-Befürworter auf Tournee… Warum Peter Singer (nicht) reden darf“, des ehem. Anti-Euthanasie-Forums/Gruppe Koeln, erschienen in den Materialien zu Wissenschaftskritik und Hochschule (Nr. 11), im ehem. Referat fuer Biopolitik im ehem. AStA der Uni Koeln (1998)
Leider keine besonders gute optische Qualität, dafür interessanter Inhalt!

Ein Artikel aus der analyse und kritik 473/2003 von Stefanie Graefe: Ethisches Product Placement

Das Bündnis hatte auf diese Weise anschaulich gemacht, dass es kaum darum gehen kann, Singers selbst gestellte Frage: Should this baby live? dadurch zu legitimieren, dass man sie „richtig“ zu beantworten versucht, sondern nur darum, eine andere Frage zu stellen – und eindeutig zu beantworten: Should this guy speak?

Abgesehen davon, wie unsäglich der Nazi-Vorwurf vor dem Hintergrund von Singers Biografie sowieso ist, blendet er außerdem auch ideologisch aus, dass Singers „Praktische Ethik“ um vieles mehr der neoliberalen spätkapitalistischen Normalität entspringt, als es möglicherweise jenen lieb ist, die in dieser Art der Etikettierung nach stabilen Gewissheiten suchen. Tragischerweise eröffnen sich außerdem gerade in der Richtigkeit dieser Zurückweisung für Singer weitere Möglichkeiten, seinen Diskurs als Objekt einer völlig absurden Diskriminierung zu inszenieren, die nur durch intensiviertes Zuhören und uneingeschränktes Ernstnehmen wieder ausgeglichen werden kann.