Grußwort von Oliver Tolmein zur heutigen Kundgebung

Liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter, liebe Freundinnen und Freunde –

Ich wünsche Ihnen und Euch einen erfolgreichen Protest gegen die Verleihung des Peter-Singer-Preises an Peter Singer – auch und gerade weil wir, die wir in den 1980er und 1990er Jahren versucht haben Auftritte von Peter Singer in Deutschland zu verhindern, vermutlich mit dafür verantwortlich sind, dass er heute Namensgeber und Preisträger zugleich ist.

Peter Singer hat nämlich den ersten und bislang letzten Ethik-Preis der Giordano Bruno Stiftung 2011 nicht allein und nicht einmal in erster Linie bekommen, weil er ein so engagierter Tierschützer ist. Und auch die Diskussionen und Debatten im Umfeld der aktuellen Preisverleihung zeigen, warum gerade der Präferenzutilitarist Peter Singer und nicht eine der vielen anderen Vordenkerinnen des Tierschutzes oder der in diesem Bereich aktiven Menschen und Organisationen Namensgeber und Träger dieses Preises zugleich geworden ist – gerade so, als wäre der Einsatz gegen das Leiden von Tieren eine ethische Ein-Mann-show.

Einzigartig an dem australischen Philosophen, der in Princeton lehrt sind vor allem zwei Aspekte seiner Arbeit: zum einen sind seine Überlegungen zum Tierschutz zwingend mit seinen Positionen zur Tötung von bestimmten Menschen mit Behinderungen verknüpft – seine Kritik an der rücksichtslosen Verwertung von Tieren ist damit immer zugleich eine Bejahung der Leistungsgesellschaft in ihrer jetzigen Form; gleichzeitig ist er, auch wegen der gegen seine diskriminierenden Positionen gerichteten Proteste,zu einer Symbolfigur geworden für dieses heutzutage so beliebte „Man wird ja wohl noch denken dürfen…“ das, zumindest in geeigneten Fällen,behauptet, über Meinungsfreiheit ließe sich völlig losgelöst von den verfochtenen Inhalten und den gesellschaftlichen Entwicklungen in die sie eingebettet ist, diskutieren. Das ist schon deswegen nicht so, weil jedenfalls ein Satz aus dem Nachwort von Jean Claude Wolf, der Peter Singers „Praktische Ethik“ ins Deutsche übersetzt hat, auf dieses Werk zutrifft: Das „Schwergewicht liegt nicht auf der Ausarbeitung einer Theorie, sondern auf ihrer Anwendung.“

Theresia Degener, mit der ich damals gemeinsam an Aktionen gegen Peter Singer beteiligt war, hat in ihrem Grußwort zum Thema Meinungsfreiheit schon vieles Wichtige gesagt.

Ich möchte deswegen kurz meine Überlegung von vorhin aufgreifen: Peter Singer ist auch deswegen ein Star der humanistischen Szene mit ihrer Begeisterung für die Deregulierung von Sterbehilfe, für die Etablierung des ärztlich assistierten Suizids, die Freigabe von Präimplantationsdiagnose und Pränatests, weil es seit vielen Jahren und mit großem Nachdruck Proteste gegen ihn gibt – denn das ermöglicht ihnen für Meinungsfreiheit einzutreten und damit aber den Inhalt dieser Meinung zu befördern. Wir müssen uns diese Ambivalenz klar machen und deswegen auch immer wieder Art und Stoßrichtung des Protestes reflektieren. Dennoch ist es sinnvoll und wichtig, eine Preisverleihung an Singer nicht einfach der allgemeinen Routine zu überlassen und damit die gesellschaftliche Normalisierung der Diskriminierung geschehen zu lassen, der auf anderem Gebiet gerade rechtliche Grenzen gezogen worden sind. Deswegen freue ich mich auch, dass das Engagement, das die ersten Proteste gegen Peter Singer motiviert hat, sich an manchen Punkten verändert hat und weiterentwickelt worden ist, aber auch praktisch geblieben ist. Denn gegen eine praktische Ethik braucht es auf jeden Fall auch einen praktischen Protest!

Oliver Tolmein

Rechtsanwalt und Mitbegründer der Kanzlei Menschen und Rechte, Journalist

Ein Gedanke zu „Grußwort von Oliver Tolmein zur heutigen Kundgebung

  1. Pingback: Markierungen 05/27/2015 - Snippets

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.