Proteste in Münster

Bereits im März gab es in Münster eine feministische Demonstration gegen den dortigen Marsch für das Leben. Die Polizei ging dabei brutal gegen Konfetti-Werfer_innen vor: Hier ist ein ausführlicher Bericht. Die Berliner Gruppe nofundi[m]ärsche hattee einen Redebeitrag vorbereitet., den wir hir dokumentieren und den es auch als Jingle gibt. Dieser kann gerne auch bei anderen Gelegenheiten verwendet werden.

Redebeitrag

Wir sind die Gruppe nofundi[m]ärsche aus Berlin. Wir sind für ein uneingeschränktes Recht auf Abtreibung. Wir wollen heute aber auch was zu Selektion durch Pränataldiagnostik sagen und diese kritisieren. Denn dieser Aspekt kommt unserer Meinung nach oft in der Kritik an den Fundis, aber auch in den Forderungen für sexuelle Selbstbestimmung, zu kurz. Unserer Meinung nach ist das eine behindertenfeindliche Technologie.

Pränataldiagnostik, kurz PND, umfasst verschiedene vorgeburtliche Untersuchungen, z.B. Nackenfaltenmessungen, Ultraschall oder auch Blutentnahmen, wie beim neuen Pränatest. Wir unterscheiden zwischen selektiven und nicht-selektiven Untersuchungen. Nicht selektive checken z. B. den Gesundheitszustand der Frau, dagegen prüfen selektive Untersuchungen den Fötus auf körperliche oder genetische Abweichungen.

Wir lehnen vor allem die selektive Pränataldiagnostik ab!

Denn wenn beim Fötus Abweichungen von der medizinischen Norm diagnostiziert werden, kommt es dann auch meistens zum Schwangerschaftsabbruch. Der Abbruch kann dann bis kurz vor der Geburt auf Grundlage der sogenannten medizinischen Indikation erfolgen. Dabei wird mit der Gefährdung der seelischen Gesundheit der Schwangeren argumentiert, die aufgrund der Beeinträchtigungen des Fötus entstehen.

Dass schwangere Personen sich in solchen Fällen für einen Abbruch entscheiden, wundert nicht. Denn gesellschaftliche Bilder von Behinderung und Beeinträchtigungen sind häufig negativ. Behinderung gilt als ein zu vermeidender Zustand der Abhängigkeit und des Verlusts. Viele können sich ein selbstbestimmtes Leben mit Behinderung nicht vorstellen. Selektive Untersuchungen sind unserer Meinung nach ableistische Praktiken in einer Gesellschaft, die auf kapitalistischer Verwertung basieren und behinderte Menschen diskriminieren. Sie sind aber nicht nur behindertenfeindlich, sondern setzen zugleich auch schwangere Personen unter Druck, die immer mehr für die Gesundheit und „Qualität“ ihres Nachwuchses zur Verantwortung gezogen werden. Ein Recht auf Nichtwissen für Schwangere gibt es de facto nicht, vorgeburtliche Untersuchungen sind zur Normalität geworden.

Der Fokus der selbsternannten Lebensschützer hat sich innerhalb der letzten Jahre stark auf die Themen PND und Kritik an Selektion verschoben. Grundlage ihrer sexistischen Kackscheiße ist ein vermeintlich gottgegebenes Recht auf Leben ab der Zeugung und damit eine Absage an jegliches Entscheidungsrecht von Schwangeren. Zu oft können sie sich als Verbündete von Behinderten präsentieren. Doch eigentlich instrumentalisieren sie die Interessen behinderter Menschen. Für reale Lebensbedingungen nach der Geburt, geschweige denn eine wirkliche Gleichstellung Behinderter haben sich die Lebensschützer noch nie interessiert.

Umso wichtiger ist es, eine queer-feministische Position zu entwickeln, die nicht die Kritik an PND und das Recht auf Schwangerschaftsabbruch gegeneinander ausspielt, sondern zusammendenkt. Wir dürfen die Kritik an pränataler Diagnostik nicht konservativen und religiösen Kreisen überlassen!

Ein Schwangerschaftsabbruch ist eine legitime Entscheidung, die weder im Strafgesetzbuch noch mit Zwangsberatungen geregelt sein sollte. Wir fordern deswegen die Streichung des Paragrafen 218 und ein uneingeschränktes Recht auf Abtreibung.

Wir lehnen selektive Untersuchungen ab, die allein darauf zielen, potenzielle Behinderungen zu entdecken.

 

Denn wir kämpfen für eine Gesellschaft, in der Schwangeren nicht die Verantwortung zugeschoben wird, normgerechten Nachwuchs zur Welt zu bringen. Eine Gesellschaft, in der Personen keine Nachteile daraus entstehen, wenn sie ein behindertes Kind haben. Eine Gesellschaft, in der Behinderung nicht als zu vermeidende Last gesehen wird. Eine Gesellschaft, in der alle selbst entscheiden können, ob sie Kinder wollen oder nicht.

Lasst uns gemeinsam für das den Feminismus und gegen Selektion und Ableism kämpfen.

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