Peter Singer und seine Immunisierungsstrategien, Fokus auf NS und Jüdischsein

von Otto Busse

(dieser Text gehört noch zu den Mobilisierungen gegen die Preisverleihung an Peter Singer im Mai. Das Dossier dazu findet ihr hier.)

Peter Singer kategorisiert menschliches Leben nach wert/unwert und fordert die Tötung bestimmter Menschen. Das ist eine Ungeheuerlichkeit, für die er seit vielen Jahrzehnten heftig kritisiert wird. Um sich gegen diese Kritiken zu immunisieren, wendet Singer eine Reihe von Strategien an. Diese betreffen seine Theoriebildung, sein Verhalten und seine Person:

  • Theoriebildung: Diese soll angeblich der Glücksmaximierung der gesamten Menschheit dienen und der Etablierung einer weltweiten Gerechtigkeit.
  • Verhalten: Er ist Tierrechtler und Veganer, er spendet viel von seinem Geld.
  • Person: Er ist jüdisch, seine Großeltern waren im KZ und wurden von den Nazis ermordet.

Alles drei zusammengenommen: Er ist ein Linker, der sich sein Leben lang (wie kaum ein anderer Philosoph weltweit) für die Schwächsten der Schwachen einsetzt.

So wichtig, richtig und sinnvoll vieles davon ist – es dient bei Peter Singer dazu, sich gegen Kritik zu immunisieren und sich einen Status des Unberührbaren und moralisch Höherwertigen zu verleihen. Unentwegt beteuert Singer die edlen Absichten, die seinem Plädoyer zugrunde liegen sollen.

Singer und die Shoah

Insbesondere in Deutschland hinterlässt seine Aussage, dass er Jude ist und seine Großeltern im KZ umgebracht wurden, Eindruck. Um diesen spezifischen Aspekt soll es im Folgenden genauer gehen.

Singer besteht darauf, wie verletzend es gerade für ihn war/ist, in Deutschland von linken Kritiker_innen in die Nähe der Nazis gerückt zu werden:

„Viele unterstellten, ich sei Teil der radikalen Rechten, dabei war ich immer Teil der Linken. Ich wurde sogar mit Nazi-Ideen in Verbindung gebracht, was völlig ignoriert, dass ich der Sohn jüdischer Flüchtlinge aus Wien bin, der drei seiner Großeltern im Holocaust verloren hat. … aber ich sehe auch das Gute, was daraus folgte: Die Verkaufszahlen meines Buches in Deutschland stiegen dramatisch.“ (Singer zit. nach Gräfe 2003)

Es ist tatsächlich unsäglich, Singer einen Nazi-/Faschismus-Vorwurf zu machen; nicht nur, aber auch aufgrund seiner Biografie – Vorwürfe solcher Art sollten stets scharf zurückgewiesen werden. Zum einen sind sie inhaltlich falsch und relativieren den NS. Zum anderen eröffnen sie Singer stets eine weitere Möglichkeit, sich selbst und seine Positionen als Objekt von Diskriminierung zu inszenieren. Und das wiederum erschwert eine sinnvolle inhaltliche Kritik an seinen Aussagen.

An dem Zitat wird allerdings auch deutlich, was für einen funktionalistischen Zugang Singer selbst zu seiner Familiengeschichte und der Shoah hat: Es geht ihm um den Verkauf seines Buchs.

Dem Schriftsteller Isaak Singer beipflichtend behauptet Peter Singer in einem Interview mit dem Fernsehsender Arte: „Für Tiere ist jeden Tag Treblinka. Unser Verhältnis zu Tieren ist gewissermaßen ähnlich dem, das man zu den Juden hatte“ (Singer zit. nach Hauser 2005).

Singer ebnet hier nicht nur jegliche Mensch-Tier-Differenz ein, sondern relativiert die Shoah und die Spezifik des Antisemitismus. Ausgeblendet werden von ihm u.a. Voraussetzungen, Dynamiken und Motive des systematischen Massenmords an (den europäischen) Jüd_innen. Tiere werden nicht getötet, um sie systematisch auszurotten und weil sich davon ein besseres Leben ohne ‚Knechtschaft‘ versprochen wird, sondern um sie zu essen. Bei Jüd_innen trifft alles das nicht zu.

Antisemitismus- und Nazi-Vorwürfe gegen Singer-Kritiker_innen

Im Umkehrschluss finden sich Argumentationen, die den Kritiker_innen Singers unterstellen, antisemitisch zu sein. Singer selbst hebt auch darauf ab, wenn er betont, dass er in keinem anderen Land außer Deutschland so heftig angegriffen wird und zieht eine direkte Verbindung zu sich als Juden.

Hier wird ein falscher kausaler Zusammenhang hergestellt: Singer wird (von uns) nicht kritisiert, weil er jüdisch ist, sondern weil er eine lebenswert-lebensunwert-Logik bedient und die Ermordung von Menschen propagiert.

Zugleich sollten wir uns keine Illusionen über den deutschen Antisemitismus machen – es gibt ihn, und zwar nicht zu knapp. Insofern ist gut möglich, dass es Menschen gibt, die auf Singer auch anspringen, weil er Jude und 2. Generation Überlebender ist. Solche antisemitischen Singer-‚Kritiker_innen‘ gehören kritisiert. Ihre Kritik an Singer steht in scharfem Gegensatz zu einer/unserer emanzipatorischen Gesellschaftskritik, deren Ziele Befreiung und Antidiskriminierung heißen.

Des Weiteren gab es immer wieder Stimmen, die die Proteste gegen Singer mit Methoden der Nazis/SA/SS/… gleichgesetzt haben. Auch dies ist eine perfide Delegitimierung der Kritik. Die Proteste sind Teil einer politischen Auseinandersetzung, in der symbolische und direkte Aktionen (Besetzungen, Unterschriftensammlungen, …) eingesetzt werden. Es ist ziviler Ungehorsam, der nicht den Staat oder eine Institution im Rücken hat. Singer hat in der Wochenzeitung Die Zeit, in Büchern des Suhrkamp- und Reclam-Verlags eine Plattform und ist einer der meistrezipierten Philosophen weltweit. Von ‚Zensur‘ kann von daher mitnichten die Rede sein.

Anliegen des Protests gegen Singer ist eine Grenzziehung: Hier gewinnt die Verrohung des Denkens, die Etablierung der Diskriminierung und die Festschreibung des Ressentiments bedrohliche Dimensionen. Diese Grenzziehung steht in maximalem Widerspruch zu Theorie und Praxis von faschistischen/nationalsozialistischen Organisationen.

Priorisierung von Rassismus über Ableismus

Singer sagt: “As three of my grandparents died in the Holocaust, and the fourth was fortunate to survive in Theresienstadt, that was very much present in my life”, he said. “I am sure that it had some impact on my thought — on my abhorrence of cruelty, of the naked use of power over the defenseless and, of course, of racism.” (Singer in Goldberg 2012) Dass es in Singers eigener Familie NS-Verfolgung gibt und er diese explizit einflussreich für seine Theoriebildung benennt, macht seine Motive, sich für Euthanasie einzusetzen, unverständlich(er).

Er bedient sich diesbezüglich eines argumentativen Tricks: Er distanziert sich von den „nationalsozialistischen Massenmorden“, meint damit aber nur die Shoah. Offensichtlich fallen für ihn die Morde im Rahmen der NS-‚Euthanasie‘ nicht unter den Begriff „Massenmord“. Er leugnet, dass es im NS unterschiedliche Vernichtungsaktionen gegen verschiedene Personengruppen jeweils aus einer anderen Motivation heraus gegeben hat. So stellt er die Frage, ob „für die Massenmorde der Nazis nicht eher der Rassismus verantwortlich zu machen [ist] als die Euthanasie“ (Singer 1984: 210). Rassismus und Ableismus[1] sind aber zwei verschiedene Herrschaftsverhältnisse, die unterschiedliche Personengruppen getroffen haben, auch wenn es Überschneidungen gibt. Mit seiner Behauptung, die NS-‚Euthanasie‘ sei wesentlich aus rassischen Gründen durchgeführt worden, dethematisiert Singer Ableismus und den Massenmord an behinderten Menschen.

Folgerichtig ignoriert Singer konsequent die Gruppe, die in legitimer Weise für die NS-‚Euthanasie‘-Opfer sprechen kann: Die NS-‚Euthanasie‘-Geschädigten. Es geht hierbei nicht um Opferkonkurrenz, sondern um eine Anerkennung verschiedener Verfolgungsursachen und daraus entstehende Implikationen für die Hinterbliebenen. Jüd_innen wurden aus antisemitischen Gründen verfolgt, behinderte Menschen aus ableistischen.

‚Euthanasie‘ damals und heute

Für Singer sind die NS-‚Euthanasie‘ und ihre Folgen (Massenmord von behinderten Menschen) ein Dorn im Auge. Sie sind die Schranke, die er überwinden muss, um die Tötung ‚lebensunwerten Lebens‘ frei propagieren zu können. Er muss also argumentieren, dass seine Legitimierung des medizinischen Mordes nichts mit den Morden im Rahmen der NS-‚Euthanasie‘ zu tun habe. Hierfür nennt er drei Gründe:

a) Nicht „der Staat [solle] über Leben und Tod entscheiden (…), sondern (…) man [solle] Eltern die Möglichkeit geben (…) zu entscheiden, wann es im Interesse ihres Kindes und ihrer Familie ist, ein schwerstgeschädigtes Kind nicht leben zu lassen“ (Kuhse/Singer 1993: 11).

Schon der Psychiater Binding und der Jurist Hoche, die in den 1920er-Jahren die Blaupause für das ‚Euthanasie‘-Programm der Nazis verfassten, erachteten kein totalitäres politisches System für die Umsetzung ihrer Vorstellungen für notwendig. Auch bei der Ermordung der Menschen im Rahmen des NS-‚Euthanasie‘-Programms bot das politische System während dieser Zeit den Ärzt(_inn)en den Rahmen und die Möglichkeit, ihre (schon seit längerem theoretisch verhandelten) Vorstellungen in die Praxis umzusetzen. Im Nationalsozialismus lag die Entscheidungsmacht im Selektionsprozess bei den Ärzt(_inn)en, der Staat gab lediglich die autoritative Deckung. Die Ärzt_innen wurden nicht vom Staat gezwungen oder von den Nazis instrumentalisiert, sondern alle an der NS-‚Euthanasie‘ beteiligten Ärzt(_inn)e(n) wirkten freiwillig mit, die meisten sogar begeistert. Auch Eltern und Verwandte nutzten teilweise die sich aufgetane Möglichkeit, sich ihrer Verantwortung für ihre behinderten Kinder und Angehörigen ganz legal zu entziehen und sich um ihren Verbleib nicht weiter kümmern zu müssen.

Die Abgrenzung vom NS ist hier schlichtweg falsch und verkehrt sich in ihr Gegenteil: Peter Singer nimmt – vermutlich sogar ohne es zu wissen – eine ethische Legitimierung der Euthanasie ganz in der Tradition von Binding und Hoche vor. Nicht das Votum des Staates, sondern jenes der Eltern in Zusammenarbeit mit Ärzt_innen ist ausschlaggebend.

Selbst wenn die gesetzlich legitimierte Monopolisierung der Tötungsmacht nicht ausschließlich beim Staat, sondern zusätzlich bei Ärzt_innen oder auch bei den Eltern liegt und diese definieren, was menschliches Glück ist und über den Wert eines Menschen entscheiden, ist das keinen Deut besser. Ob Eugenik und Euthanasie von oben oder von unten kommen, ist für die davon Betroffenen vollkommen unerheblich – so oder so ist es kritikabel und abzulehnen.

b) „Den Nazis galt ein Leben dann als lebensunwert, wenn es nicht zur Gesundheit jener mysteriösen rassischen Wesenheit, des Volkes, beitrug (…) Wir haben die Auffassung vom Volk (…) zugunsten einer individualistischen Sichtweise aufgegeben.“ (Kuhse/Singer 1993: 131) Ein „mitfühlendes Interesse am Wohlergehen von Individuen ist das genaue Gegenteil der Nazi-Haltung“ (ebd.). Singer argumentiert weiter, dass sich seine Position „am Leiden der Betroffenen, nicht an dem Unsinn irgendwelcher nationaler Ideen vom Volksnutzen“ (Singer nach Schuh 1989) orientiere.

Auch hier haut die Abgrenzung gegen die NS-‚Euthanasie‘ nicht hin: Die Behauptung, Euthanasie sei auch für die Ermordeten das Beste, durchzieht die Propaganda des Dritten Reichs im Vorfeld und während der Massentötungen von behinderten Menschen. Auch die Nazis appellierten an das „Mitgefühl“ – nicht nur in der Propaganda, sondern bereits im Führererlass vom 1. September 1939 zum Tötungsprogramm („(…) der Gnadentod gewährt werden kann“). Sowohl bei Singer als auch in der wesentlich weniger offenen nationalsozialistischen Euthanasie-Propaganda werden die „Erlösung“ der Betroffenen sowie die kostenmäßige Entlastung der Gesellschaft als Ziele genannt.

Abgesehen von der Propaganda und den offiziellen Begründungen ging es den Nazis auch um die Reinhaltung des ‚Volkskörpers‘, und hier unterscheidet sich Singer tatsächlich mit seinem Ziel einer weder rassisch noch national begrenzten ‚gesunden‘ Menschheit. Auch wenn es bedeutende Unterschiede zwischen einer völkischen und einer individualistischen Argumentation gibt, so ist die Explikation von Wertigkeiten menschlichen Lebens stets eine abzulehnende Position.

c) „Die Nazis haben fürchterliche Verbrechen begangen; aber das bedeutet nicht, daß alles, was die Nazis taten, fürchterlich war. Wir können die Euthanasie nicht nur deshalb verdammen, weil die Nazis sie durchgeführt haben, ebenso wenig wie wir den Bau von neuen Straßen aus diesem Grund verdammen können.“ (Singer 1984: 210)

Das stimmt: Die Euthanasie ist nicht ‚nur‘ deshalb abzulehnen, weil sie von den Nazis durchgeführt wurde – ihre Ablehnung muss viel tiefer gehen. Euthanasie ist immer furchtbar; nicht erst, wenn sie von Nazis durchgeführt wird.

Zugleich sollte es ein Innehalten geben, wenn die theoretischen und/oder praktischen Parallelen zwischen Nazis/Neonazis und Konzepten, Denkweisen, Haltungen, Methodiken und Handlungsweisen von nicht-Neonazis groß sind.

Literatur

Goldberg, Dan (2012): Peter Singer: Menace or moral hero? In: The Jerusalem Post vom 1. Juli 2012. http://www.jpost.com/Features/In-Thespotlight/Peter-Singer-Menace-or-moral-hero [Zugriff: 20. November 2015].

Gräfe, Stefanie (2003): Ethisches Product Placement. In: analyse & kritik, Nr. 473 vom 16.5.2003. http://www.akweb.de/ak_s/ak473/42.htm [Zugriff: 20. November 2015].

Hauser, Jens (2005): Interview mit Peter Singer. In: arte TV vom 25.02.2005. http://www.arte.tv/de/interview-mit-peter-singer/796140,CmC=796178.html [Zugriff: 20. November 2015].

Kuhse, Helga/Singer, Peter (1993): Muss dieses Kind am Leben bleiben? Das Problem schwerstgeschädigter Neugeborener. Erlangen: Harald Fischer Verlag.

Maskos, Rebecca (2010): Was heißt Ableism? Überlegungen zu Behinderung und bürgerlicher Gesellschaft. In: arranca!, Nr. 43, S. 30-33.

Schuh, Hans (1989): Läßt sich Euthanasie ethisch begründen? In: Zeit Online vom 16. Juni 1989. http://www.zeit.de/1989/25/laesst-sich-euthanasie-ethisch-begruenden/komplettansicht [Zugriff: 20. November 2015].

Singer, Peter (1984): Praktische Ethik. Stuttgart: Reclam Verlag (überarbeitete Neuauflage 2013).

[1]     Ableismus ist ein eingedeutschter Begriff vom englischen ‚ableism‘ und beschreibt „die einseitige Fokussierung auf körperliche und geistige Fähigkeiten“ (Maskos 2010: 31), also ‚ability‘ im Englischen. Mit der Bewertung dieser Fähigkeiten werden Menschen in ‚behindert‘ und ‚normal‘ oder ‚gesund‘ eingeteilt.

Der Vorteil gegenüber dem deutschen Begriff ‚Behindertenfeindlichkeit‘ ist einerseits, dass mit dem Fokus auf Fähigkeiten der Blick weg von ‚den Behinderten‘ auf Nicht-Behinderung einerseits und Kategorisierungs- und Normierungsprozesse andererseits gelegt wird. Die Bordsteinkante beispielsweise ist in aller Regel nicht im engeren Sinne Ausdruck einer ‚Feindlichkeit‘ oder eines ‚Vorurteils‘, kann sehr wohl aber Kennzeichen einer ableistischen Norm und Struktur sein. In ähnlicher Weise lässt sich das auf die Alltäglichkeit der Verhältnisse übertragen, die uns in aller Regel nicht als bitterböse Feindschaft gegenübertreten, und doch einige von uns im wahrsten Sinne des Wortes in den Wahnsinn treiben. Dabei betrifft Ableismus alle Menschen, auch die, die der gesellschaftlichen Norm genügen, wobei die Folgen für die defizitär Bewerteten in aller Regel deutlich unangenehmer und ausgrenzender sind (ebd.).

Wenn in dieser Abhandlung von ‚Behinderung‘ gesprochen wird, dann im Sinne eines Oberbegriffs für ein ‚zu weites‘ Herausfallen aus der Norm dessen, was ein Körper zu leisten imstande sein muss. Verweigert wird die Differenzierung in ‚körperbehindert‘ und ‚psychisch bzw. geistig krank‘.