Redebeiträge

Rede der Forschungsgruppe Christlicher Fundamentalismus, 18.09.2020

Guten Tag.
Wir demonstrieren heute hier unter einer Doppelparole. Die Abschaffung des §218 ist der eine Teil, der andere Teil fordert auf, gegen den christlichen Fundamentalismus vorzugehen, den die Demonstrantinnen und Demonstranten da drüben vertreten.
Ich werde ein paar Wort zum zweiten Teil verlieren. Der christliche Fundamentalismus ist in Deutschland auch deshalb eine Gefahr, weil er oft unterschätzt oder gar nicht gesehen wird. Das ist falsch. Ohne all den anderen politischen Themen ihre Relevanz absprechen zu wollen: es bedarf eigentlich einer weit kontinuierlicheren Beobachtung und Bekämpfung dieses Fundamentalismus, als es dies bisher geschieht. Er stellt eine Bedrohung für die Freiheit der Einzelnen, für die sexuelle Selbstbestimmung aller, für das ehedem in Deutschland viel zu schwach ausgeprägte demokratische Gemeinwesen und grundsätzlich auch für die Grundlagen der Aufklärung dar.
Was ist der christliche Fundamentalismus? Der christliche Fundamentalismus ist, wie auch andere religiös konnotierte Fundamentalismen, eine politische Bewegung der Moderne, die eine rechtskonservative, autoritätsfixierte, antiaufklärerische, antifeministische und die Freiheit der einzelnen Individuen missachtende Gesellschaft errichten will. Das der Bezug zum Christentum dabei mehr als prekär ist und diese Religion unzählige Ausprägungen hat, die dem Menschen- und Weltbild des dort drüben vertretenden Fundamentalismus zum Teil diametral gegenüberstehen, ist zwar ein inhaltlich richtige Anmerkung. Aber ob die fundamentalistische Auslegung, die da drüben vertreten wird nun die richtige Version des Christentums darstellt, oder ob die Befreiungstheologie Recht hat oder die feministische Theologie oder irgendeine andere Auslegung – das ist ein theologisches Problem, dass innerhalb des Christentums ausgehandelt werden muss und nicht hier.
Für uns ist wichtig, dass eine der wichtigsten Prinzipien der Aufklärung die Säkularisierung darstellt. Sicher, diese hat sich noch nicht überall vollständig durchgesetzt, aber doch ist der Grundsatz, dass die Leute, wenn sie unbedingt glauben wollen, glauben können was sie wollen, solange sie nicht auf die Idee kommen, dass dieser Glauben für irgendjemand anders eine Bedeutung haben müsste und solange sie den Rest der Welt damit in Ruhe lassen, zum Allgemeingut geworden, dass es zu verteidigen gilt.
Die christlichen Fundamentalistinnen und Fundamentalisten allerdings halten von diesem Grundsatz nichts. Sie gehen davon aus, dass sie die richtige Religion und die richtige Interpretation dieser Religion hätten und dass sich der Rest der Menschheit dieser Interpretation zu unterwerfen hätte. Und diese Interpretation ist gruselig, um es mal so zusagen.
Der christliche Fundamentalismus glaub ganz ernsthaft an Himmel und Hölle als die Orte, wo wir alle nach unserem Tod enden werden. Nicht in einem metaphysischen Sinne, sondern ganz direkt. Ebenso glaubt er an einen Kampf zwischen Gott und Teufel, der gerade auf der Erde ausgetragen würde. Und auch das ganz direkt: ein echter Gott, ein echter Teufel, echte Engel und so weiter. Christliche Fundamentalistinnen und Fundamentalisten leben ganz ernsthaft in einer Gedankenwelt die von einem Krieg guter gegen böser Mächte beherrscht ist. Und alles ist diesem Krieg untergeordnet. Nur durch die ihnen genehme Lebensweise würde man auf Gottes Seite stehen, alles andere würde den Teufel direkt oder indirekt unterstützen oder auch von diesem direkt eingefädelt sein. Man darf sich nicht an den unterschiedlichen Themen und Auftritten und dem netten Äußeren täuschen lassen: am Ende geht es immer wieder um diese dichotome Einteilung.
Und das angeblich einzig richtige Welt- und Menschenbild, dass dort drüben vertreten wird, ist nun mal sehr einfach und falsch: von den Menschen wird die Einordnung in eine klare Hierarchie gefordert, oben Gott, dann die jeweils Nächst-Mächtigen, die Männer stehen über den Frauen, die Frauen über den Kindern. Die Frauen haben sich rein zuhalten, für ihre Männer zu sorgen und ihre Sexualität zu unterdrücken. Homosexuelle gelten bestenfalls als krank, Atheistinnen und Atheisten sowie Andersgläubige gelten als entweder noch zu missionierende Personen oder aber als unrettbare Teufelsanbetende. Es ist leider tatsächlich so, wie man sich das in schlechten Momenten vorstellt. Die Hierarchie und Obrigkeitshörigkeit werden zum Beispiel in Gottesdiensten explizit eingeübt – die Gläubigen lernen sich symbolisch zu unterwerfen: unter die Gemeinde, unter die gegebene Interpretation der Bibel und unter Gott.
Die moderne Welt gilt schon wegen einfacher Forderungen nach Individualität, Selbstbestimmung, Demokratie und Emanzipation als Platz, der von Teufel kontrolliert wird. Wo wir hier, die wir größtenteils aus der Linken und radikalen Linken stammen, noch lange nicht mit der gesellschaftlichen Emanzipation zufrieden sind, wo wir Machtstrukturen und Geschlechterbilder kritisieren und so weiter, da sehen die christlichen Fundamentalistinnen und Fundamentalisten schon das teuflich Schlechte am Werk. Nicht umsonst sind es gerade solche Religiösen, die in Deutschland versuchen, ihre Kinder der Schulpflicht zu entziehen und nicht, wie man erwarten könnte, linke Eltern.
Einige Beispiele: Da drüben vertreten die Fundamentalistinnen und Fundamentalisten heute die Auffassung, dass jede Abtreibung eine Tat gegen Gott darstellen würde. Hinter all den Versuchen, Abtreibung als Mord darzustellen und Frauen ein Post-Abtreibungs-Syndrom einzureden, steht die Überzeugung, dass es nur eine richtige Interpretation davon gäbe, wie Leben geschaffen wird, nämlich indem Gott, so wie sie ihn sehen, in jeden Fötus gleich nach der Befruchtung Leben einhaucht. Alle Fragen danach, was Leben ist, ab wann, wann nicht mehr und so weiter, werden nur als Widerspruch gegen das fundamentalistische Denken interpretiert. Punktum. Das hat nichts mit irgendeiner Sorge für Kinder zu tun, sondern einzig mit der Vorstellung, dass eine Frau Gott widerspricht, wenn sie abtreibt. Und das ist ein Denken, was sie allen, und nicht nur sich selber aufdrücken wollen. Sie übertreten damit explizit die Grundforderung der Säkularisierung, dass Religion eine Privatsache zu sein hat.
Gleichzeitig geht damit die Vorstellung einher, dass Gott in völkischen Kategorien denkt und Völker mit mehr oder weniger Kindern ausstattet. Der Teufel soll übrigens das Gleiche tun, indem er angeblich für die höhere Kinderzahl nicht-westlichen Ländern verantwortlich ist. Die Obrigkeitshörigkeit des christlichen Fundamentalismus schlägt sich in einer strikt nationalistischen Argumentation nieder.
Eva Hermann, die ehemalige Nachrichtensprecherin, die heute zumindest beim Begleitprogramm der radikal-christlichen AUF-Partei für diese Veranstaltung da drüben dabei ist, schaffte es bekanntlich, die Toten und Verletzten auf der Love-Parade 2010 quasi als Strafe Gottes für die sündige Spassgesellschaft darzustellen. Weil Hermanns Meinung nach auf der Loveparade die ganze Zeit über Drogen genommen, Sex gehabt und exkastatisch gefeiert worden wäre, hätten – vielleicht, so verklausuliert sie das – göttliche Mächte eingegriffen. Oder anders, wie es auf den ihr zustimmenden christlich-fundamentalistischen Blogs und Websiten hieß: weil die jungen Leute den Verführern, dass heißt den Agenten des Teufels, auf den Leim gegangen wären, seien sie bestraft worden. Das bisschen Versprechen Ekstase, das bisschen temporäre Freiheit, welches die Loveparade noch darstellte, war für die radikal-christliche Szene schon ein anti-göttliches und auszurottendes Werk des Teufels.
Und dieser Wahnsinn geht immer weiter.
Warum aber ist er gefährlich? Zum einen selbstverständlich ist er gefährlich für die Kinder, die mit so denkenden Eltern aufwachsen müssen. Warum das nicht auch einmal sagen? Der christliche Fundamentalismus muss auch bekämpft werden, damit die Kinder, die in diesen hinein geboren werden, von diesem befreit werden und die gleichen Chancen auf ein mehr oder minder gutes Leben erhalten, wie wir alle.
Aber der christliche Fundamentalismus ist auch gefährlich, weil er so gut zur Normalgesellschaft passt, weil er sich so gut anpassen kann: im Habitus, in der Themensetzung, im Auftreten. Der Großteil der christlichen Fundamentalistinnen und Fundamentalisten in Deutschland kommt nun mal aus dem Mittelstand, wohnt vorrangig in Eigentumshäusern im ländlichen und kleinstädtischen Raum, zum Teil haben sie kleinständische Betriebe. Und obgleich es insgesamt vier radikal-christliche Parteien in Deutschland gibt, engagieren sich die meisten eher in CDU/CSU-nahen Organisationen und Zirkeln und suchen die Nähe zur Macht. Und diese Nähe finden sie und können bislang relativ unbehelligt Einfluss auf die Politik und Meinung in Deutschland nehmen. Nicht so viel, wie sie vielleicht gerne hätten, aber doch erschreckend viel.
Es ist nun mal kein Zufall, dass Christian Wulff, zumindest bevor er Bundespräsident wurde, jahrelang bei den dem christlichen Fundamentalismus in Deutschland zuzurechnenden Vereinigungen Pro Christ und Arbeitskreis Christlicher Publizisten engagiert war. Der christliche Fundamentalismus kann sich in Deutschland so gut ausbreiten, weil er – abgesehen von solchen Veranstaltungen wie heute – unauffällig ist, weil er gerade für eine emanzipatorische Linke, die sich kaum noch mit Religionskritik befasst, auch oft nicht vom Christentum im Allgemeinen zu unterscheiden ist.
Der christliche Fundamentalismus muss aufgehalten werden. Das hat mit religiösen Fragen nichts zu tun, sondern schlicht und ergreifend damit, dass er als politische Bewegung das Entscheidungsrecht der Einzelnen, die grundlegenden Prinzipien der Aufklärung und wie wir heute wieder einmal sehen können, dass Selbstbestimmungsrecht aller Frauen aufheben und eine autoritär strukturierte, anti-individualistische und von einer paranoider Angst vor magischen Kräften beherrschte Gesellschaft errichten will.