Redebeiträge

Redebeitrag der Forschungsgruppe Christlicher Fundamentalismus zu Eva Hermann, 18.9.2010

Im Begleitprogramm des christlich-fundamentalistischen Aufmarsches, gegen den wir heute demonstrieren, veranstaltet die fundamentalistische AUF-Partei ein sogenanntes Christliches Politik-Forum. Dieses Treffen soll dazu dienen, Strategien zur fundamentalistischen Unterwanderung der Gesellschaft zu besprechen. Unter anderem ist dort Eva Hermann als Rednerin angekündigt, was tatsächlich sehr passend ist; steht doch Hermann als Beispiel dafür, wie nah sich das Denken, gegen das wir heute demonstrieren und das Denken innerhalb der politischen Mitte manchmal stehen.
Hermann hatte bekanntlich eine erfolgreiche Karriere hingelegt und war unter anderen Sprecherin der Tagesschau. Man hätte erwarten können, dass sie als erfolgreiche Frau zumindest grundsätzlich feministischen Thesen zustimmen würde. Stattdessen stürmte sie 2006 auf die politische Bühne, um ein grundsätzlich konservatives Frauenbild zu vertreten. Ihrer Meinung nach hätte die Frau genau eine Aufgabe, nämlich Mutter zu sein – und alles andere wäre eine Überforderung der Frauen. Das es mit der Gesellschaft abwärts gehen würde sei deshalb Schuld des Feminismus, der die Frauen dazu zwingen würde, zu arbeiten. Was anderswo als Unvereinbarkeit von Familie und Beruf aufgrund der geschlechtlichen Struktur des Arbeitsmarktes analysiert und kritisiert wird, wollte Hermann als Fehler des Feminismus verstanden wissen. Das der Feminismus noch weit darüber hinausgeht und zu Recht die angeblich natürlich Verantwortung der Frauen für Familie und Kinder kritisiert sowie die gesellschaftliche Konstruktion von Geschlecht, dass wollte Hermann gar nicht erst wahrnehmen.
Bei all dem trieb Hermann die gleiche Sorge um, wie die Fundamentalistinnen und Fundamentalisten, gegen die wir heute protestieren: angeblich würde das deutsche Volk aussterben. Nicht das individuelle Verhältnis einzelner Eltern zu ihren potentielle oder realen Kinder interessiert Hermann, sondern die einzig die Geburtenzahl. Hermann verstieg sich dann auch zu der Behauptung, dass es im Nationalsozialismus eine viel bessere Familienpolitik gegeben hätte, der man auch heute folgen sollte.
Nachdem sie dies mehrfach öffentlich vertreten hatte, wurde sie aus der politischen Mitte und den Öffentlich-Rechtlichen Sendern ausgestoßen und findet ihr Publikum heute offenbar bei radikalen Christinnen und Christen. Aber man sollte nicht vergessen, dass Hermanns Denken aus ebendieser Mitte der Gesellschaft kam, wo sie lange arbeitete und hoch angesehen war. Der Wahnsinn, in Völkern und Geburtenzahlen zu denken, ist dort Konsens, nur das Hermann dieses Denken konsequent zu Ende gedacht hat, während in der politischen Mitte oft humanistische und aufklärerische Strömungen als Barriere vor dieser Konsequenz wirken. Aber eben nicht immer.