19.9.: Noch eine Demo angekündigt

Auch das Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung hat für den 19. September eine Demonstration angekündigt. Im Rahmen eines Aktionstages soll sie vom Brandenburger Tor zum Gendarmenmarkt gehen. Beide Orte lagen  in den vergangenen Jahren auf der “Marsch”route der “Lebensschützer”. Das Bündnis ruft zu “gemeinsamen, kreativen Aktionen” auf.

Warum es in diesem Jahr zwei Demonstrationen geben wird, dazu gibt es von keinem Bündnis eine Stellungnahme. Das What the Fuck-Bündnis ruft zu einer Demo um 11.00 Uhr ab S-Bhf. Anhalter Bahnhof auf und zum anschließenden “Sabotieren, Demonstrieren, Blockieren!” des Marsches.

Nicht schwierig zu erraten, dass die unterschiedlichen gewählten Aktionsformen und die jeweilige Haltung zu Pränataldiagnostik und Selbstbestimmung bei der Entscheidung für zwei Demonstrationen eine große Rolle spielten.

Auf dem neuen Plakat des Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung ist auch das Logo der Giordano Bruno Stiftung wieder aufgetaucht. Wer die Proteste gegen Peter Singer im Mai dieses Jahres mitgemacht oder -verfolgt hat, weiß wohl, was gerade an deren Teilnahme am Bündnis so problematisch ist. Dazu sei acu nochmals der Artikel von Kirsten Achtelik aus der aktuellen Phase 2 empfohlen: Fatale Ethik

19.9. Der Aufruf zur Demo

„Marsch für das Leben“? – What the fuck!
Antifeminismus sabotieren! Für körperliche Selbstbestimmung demonstrieren! Christliche FundamentalistInnen blockieren!
Dem Marsch, seinen AkteurInnen und ihrem Gedankengut entschlossen entgegentreten!

Andererseits sind aber „Schädigungen“ des Fötus, die in vorgeburtlichen Untersuchungen festgestellt werden, oft der eigentliche Grund für einen Abbruch nach der zwölften Woche. FLTI* werden zunehmend für die „Gesundheit“ und „Qualität“ ihres Nachwuchses zur Verantwortung gezogen und zu solchen Untersuchungen gedrängt. Dass sie ein Recht auf Nichtwissen haben, wird meist nicht erwähnt. Ein Gen-Test mit dem Blut der schwangeren Person auf Trisomie 21 („Down-Syndrom“) wurde 2013 auf dem deutschen Markt zugelassen. Der Druck auf Schwangere zur Selektion ist Bestandteil der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft, die mit rassistischen, ableistischen (behindertenfeindlichen) und sexistischen Normvorstellungen aufrechterhalten wird.

Auffallend ist, dass in der Lebensschutz-Bewegung zunehmend nicht mehr nur die Kritik an Schwangerschaftsabbrüchen laut wird, sondern darüber hinaus auch vermehrt als Kritik am Selbstbestimmungs-Begriff. Insbesondere im Zusammenhang mit den Diskussionen um Sterbehilfe, Pränataler Diagnostik und Präimplantationsdiagnostik deklariert die Lebensschutz-Bewegung die Kritik an der Selbstbestimmung als ihr Thema. Diese auch berechtigte Kritik am Begriff der Selbstbestimmung und den Verfahren vorgeburtlichen Diagnostik greift die Lebensschutzbewegung in Form einer Selektionskritik im Namen Gottes auf. Hierbei inszenieren sie sich, trotz jahrzehntelanger Selbstorganisation von Menschen mit Behinderung, als rettende und legitime HelferInnen. Selbstbestimmung wird darin kritisiert, weil in ihr die Gefahr einer Emanzipation von Gott lauert. Dabei sollen nicht die lebenden Menschen entscheiden, wann sie sterben wollen oder ob sie Schwangerschaften austragen, sondern Gott.

Eine kritische emanzipatorische Perspektive am Konzept der Selbstbestimmung im Kontext der kapitalistischen Verhältnisse sieht jedoch anders aus. Selbstbestimmung im Kapitalismus  bedeutet oft eine permanente Leistungsbereitschaft, Selbstoptimierung und Dauerverwertung. Selbstbestimmung muss trotz aller Widersprüchlichkeiten dennoch eine wichtige Forderung queerfeministischer Kämpfe bleiben. Denn wo weiße deutsche cis*-Frauen überlegen können, inwiefern ihre selbstbestimmten Entscheidungen für oder gegen eine Schwangerschaft ideologisch aufgeladen sind, haben eine solche Möglichkeit nicht alle FLTI*. Das gilt beispielsweise in Deutschland sowohl für illegalisierte FLTI* als auch für Trans* und Inter*Personen, die mit weitaus höheren pathologisierenden medizinischen Barrieren rechnen müssen, sofern sie sich für einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden.

hier mehr, leider sind die Fußnoten in dem Aufruf nicht verlinkt.

Außerdem setzen sich die meisten radikalen Abtreibungsgegner*innen nicht für die “bürgerliche Kleinfamilie”, sondern eher für die Großfamilie ein, da in ihren Augen nur so der Niedergang des Volkes bekämpft werden kann.

Der Praenatest, mit dem aus dem Blut der Schwangeren die Chomosome des Fötus untersucht werden können ist bereits seit 2012 auf dem deutschen Markt, nicht erst seit 2013.

Bericht aus Annaberg-Buchholz

Wie in den vergangenen Jahren versammelte sich auch dieses Jahr am 1. Juni in Annaberg-Buchholz wieder ein christlich-reaktionärer Haufen, um gegen das Recht auf Abtreibung und gegen Sterbehilfe zu demonstrieren. Bereits der letztjährige „Schweigemarsch für das Leben“ wurde von Protesten begleitet, dieses Jahr machten sich aber knapp 200 Menschen auf, um die Fundis in ihrem rückschrittlichen Treiben zu stören. Das Bündnis „Pro Choice Sachsen“ hatte zu diesen Protesten aufgerufen und Busse aus Dresden und Leipzig organisiert.

Wohlgemerkt: Mehrere Bussse aus verschiedenen Städten! Erst letztes Jahr hat dieser Protest angefangen und da fuhren ein paar Privatautos! Super-Mobi seitdem!!!

Annaberg-Buchholz liegt im sächsischen „bible belt“, einer Region im Erzgebirge, wo es viele fundamentalistische Christ_innen gibt, die sich meist in Freikirchen organisieren. Das ist ein fruchtbarer Nährboden für den Anschluss an reaktionäre Teile der CDU, die sich in der sogenannten CDL (Christdemokraten für das Leben) zusammengeschlossen haben. Auch wenn die Demo weniger durch Parteifahnen oder -banner geprägt war, sind traditionell bekannte Unionsmitglieder anwesend, so wie der ehemalige Fraktionsvorsitzende der CDU und Ex-Kultusminister in Sachsen, Steffen Flath oder Mechthild Löhr, die Vorsitzende des CDL-Bundesverbandes und Vertreterin eines ultrakonservativen CDU-Teils.

Mehr auf dem Blog des Bündnis “Schweigemarsch stoppen!” und  bei der Demobeobachtungsgruppe Leipzig.

Neue Veranstaltungsreihe zu Selbstbestimmung & Reproduktionstechnologien

Im Rahmen der Reihe „Die zarteste Versuchung…“ SELBSTBESTIMMUNG IM ZEITALTER MODERNER REPRODUKTIONSTECHNOLOGIEN wird es schon nächste Woche am 16. Juli die erste Veranstaltung geben:

“…immer noch nicht selbstbestimmt?!”
Selbstbestimmung in feministischen Theorien und Praxen
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Do, 16. Juli, 19 Uhr / Biergarten Jockel
(Ratiborstr. 14c, Berlin-Kreuzberg)
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In vielen politischen Kämpfen spielt die Forderung nach Selbstbestimmung eine große Rolle. Wird ein Recht auf Abtreibung gefordert, geht es um das Selbstbestimmungsrecht über den eigenen Körper. Wird für ein Ende sexueller Gewalt gekämpft, geht es um sexuelle Selbstbestimmung. Die Legalisierung von Sexarbeit soll selbstbestimmte Arbeitsbedingungen ermöglichen. Und die Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten auch. Wenn Menschen für eine Legalisierung von Sterbehilfe eintreten, so fordern sie selbstbestimmtes Sterben.
Nicht alle hier genannten Positionen halten wir für sinnvoll oder gar emanzipatorisch. Ein Begriff wie Selbstbestimmung kann mit sehr unterschiedlichen Bedeutungen gefüllt werden. Das hat auch Folgen für feministische Kämpfe: Die Forderung nach Selbstbestimmung taugt nur bedingt und unter bestimmten Voraussetzungen. Welche diese sind, wollen wir auf der Veranstaltung diskutieren. Dazu haben wir Vertreter_innen aus unterschiedlichen feministischen Kämpfen und Debatten eingeladen, in denen Selbstbestimmung eine Rolle spielt.

mit: Andrea Truman (Autorin der Einführung in Feministische Theorie in der theorie.org-Reihe), Friederike Strack (Hydra e.V.), N.N. (Pro-Choice-Aktivist_in)

https://www.facebook.com/events/1651621871738547/

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IM RAHMEN DER REIHE „Die zarteste Versuchung…“
Selbstbestimmung im Zeitalter moderner Reproduktionstechnologien
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Reproduktionstechnologien verbreiten und etablieren sich in rasender Geschwindigkeit. Und obwohl sie schon jetzt so einflussreich auf gesellschaftliche Vorstellungen und Geschlechterverhältnisse wirken, werden sie in (queer-)feministischen Zusammenhängen bisher wenig diskutiert. In drei Veranstaltungen werden wir deshalb (queer-)feministische Debatten zu Selbstbestimmung und Reproduktionstechnologien betrachten. Wir wagen ein paar Blicke zurück und nach vorn, um frühere und aktuelle Positionen und Diskussionen zu Reproduktionstechnologien, Elternschaft und Familienmodellen auf den Prüfstand zu stellen. Wir wünschen uns dafür lebhafte Auseinandersetzungen in einer fehlerfreundlichen Atmosphäre.

Die Veranstaltungsreihe versteht sich als Mobilisierung gegen den „Marsch für das Leben“ am 19. September in Berlin.

Alle Veranstaltungen finden in Deutsch statt.
Die Räume sind rollstuhlzugänglich und barrierearm.

Gruppe nofundi[m]ärsche, leider nur auf FB:
https://www.facebook.com/no.fundi.m.aersche

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Die weiteren Veranstaltungen im Einzelnen:
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“Das Kreuz mit der Norm”
Geschichte der Auseinandersetzung um Reproduktionstechnologien. Buchvorstellung und Diskussion
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Do, 27. August, 19 Uhr / k-fetisch
(Wildenbruchstr. 86, Berlin-Neukölln)
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Unter Reproduktionstechnologien versteht man medizinisch assistierte Zu- und Eingriffe in Fortpflanzungsprozesse. Einige Reproduktionstechnologien dienen als selektive Verfahren dabei dem ‘Check’ und der direkten Einflussnahme auf das ‘Genmaterial’ und die ‘Ausstattung’ des Embryos bzw. Fötus genutzt, wie etwa die Pränataldiagnostik (PND) und Präimplantationsdiagnostik (PID).
In der Veranstaltung wollen wir am Beispiel von PND die Entstehung moderner Reproduktionstechnologien  nachzeichnen und einen Blick auf frühere und aktuelle Auseinandersetzungen werfen: Welche Kritik hatten die Zweite Frauenbewegung und die Behindertenbewegung bzw. Krüppelbewegung an PND und Reproduktionstechnologien? Wie ist es aktuell um eine kritische (queer-)feministische Perspektive gestellt? Und wie lassen sich Veränderungen der Inanspruchnahme und Bezugnahme auf Reproduktionstechnologien erklären?

Kirsten Achtelik wird im Gespräch mit Rebecca Maskos ihr aktuelles Buch „Selbstbestimmte Norm. Feminismus, Pränataldiagnostik, Abtreibung“ präsentieren und zur Diskussion stellen.

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“Abtreiben, einfrieren, durchscannen.” (Queer-)Feministische Positionen zu Reproduktionstechnologien heute
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Mo, 14. September, 19:30 Uhr / Aile Bahçesi
(Hinterhof Oranienstr. 34, Berlin-Kreuzberg)
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Reproduktionstechnologien bieten verschiedene Möglichkeiten, Fortpflanzung nicht mehr als “naturgegebenen” Ablauf zu verstehen, sondern entbinden den Kinderwunsch von heterosexuell gedachten Praktiken. Andererseits werden sie sehr oft als selektive Verfahren genutzt, um „unerwünschten“ Nachwuchs auszusortieren. Solche Technologien sind nie losgelöst von gesellschaftlichen Vorstellungen.
Allen Praktiken ist gemein, dass sie auf die ein oder andere Weise mit der Selbstbestimmung der Frau* über ihren eigenen Körper und ihr eigenes Leben gerechtfertigt werden.
Auf der Veranstaltung wollen wir uns damit auseinandersetzen, ob und wenn ja wie der Begriff der Selbstbestimmung in Bezug auf Reproduktionstechnologien kritisch betrachtet werden kann, ohne die Entscheidungsfreiheit von Schwangeren auf Abbruch und queere Familienmodelle in Frage zu stellen. Bedeutet Selbstbestimmung im Rahmen von Reproduktionstechnologien zu allererst ein Recht auf biologische
Kinder und risikofreier Planungssicherheit, im Sinne eines Selbstmanagements? Welche Möglichkeiten bieten Reprotechnologien für das Entstehen anderer kollektiver Ideen des Zusammenlebens, fern der heterosexuellen Zweierbeziehung?

mit: Susanne Schultz (Gen-ethisches Netzwerk und kitchen politics), Inga Nüthen (ZEFG, FU Berlin), Antje Barten (ak moB (mit_ohne Behinderung), behinderte Aktivistin), Constanze Körner (Regenbogenfamilienzentrum, LSVD Berlin-Brandenburg)

Aufruf Pro Choice Sachsen: 1.6. Annaberg-Buchholz!

Der lange und erfrischend lesenswerte Aufruf von Pro Choice Sachsen ist jetzt online, zur Mobilisierung gegen den am 1. Juni in Annaberg-Buchholz. Hier ein kleiner Auszug:

Warum wir im Kapitalismus von „Selbstbestimmung“ und nicht von Selbstbestimmung sprechen

Wir reden viel von der Selbstbestimmung von Menschen, die schwanger werden können. Dabei müssen wir uns jedoch dessen bewusst sein, dass diese Selbstbestimmung stark eingeschränkt ist. Sicherlich hat in Deutschland fast jede Person mit deutschem Pass die Möglichkeit, in den genannten Grenzen selbst zu entscheiden ob sie ein Kind austragen will oder eben nicht. Das begrüßen wir. Doch steht diese Entscheidung in einem gesellschaftlichen Kontext und es wird von verschiedenen Seiten versucht, diesen Kontext zu beeinflussen.

Zum einen spielen hier ökonomische Rahmenbedingungen eine Rolle. So ist die Familienpolitik des Staates darauf ausgelegt, den Kinderwunsch in bestimmten Bevölkerungsschichten durch Begünstigungen wie Elterngeld und Elternzeitgesetze zu fördern. Ärmere Bevölkerungsschichten, wie Erwerbslose, Geflüchtete sowie Illegalisierte profitieren von diesen Begünstigungen jedoch nicht. Hinzu kommt, dass mit Schwangerschaft auch eine Angst um finanzielle Sicherheit verbunden sein kann. So bedeutet Schwangerschaft immer noch ein Risiko für die Arbeitsstelle. Vor allem für Alleinerziehende bedeutet es häufig, am Rande der Armut zu stehen. Somit ist oft nicht der individuelle Kinderwunsch ausschlaggebend, sondern damit verbundene soziale oder ökonomische Bedingungen.

Zum anderen gibt es eine rassistisch und nationalistisch aufgeladene Diskussion darüber, wer in Deutschland Kinder bekommen sollte. Rassist_innen wie Sarrazin, Politiker_innen aus der AfD und auch religiöse Fundamentalis_innen sehen die weiße, christliche Kleinfamilie mit mindestens zwei Kindern als Grundlage der Nation an. Diese wollen sie bewahren und unterstützen, andere Lebenskonzepte wie zum Beispiel homosexuelle Partnerschaften oder kinderlose Beziehungen werden abgewertet. Migrant_innen und Schwarze Deutsche werden dabei besonders diskriminiert, da sie nicht in das reaktionäre Weltbild passen, ihre Kinder gelten manchen gar als Bedrohung der „deutschen Identität“.

Somit ist die Entscheidung über die eigene Schwangerschaft also nicht frei und komplett selbstbestimmt. Sie wird beeinflusst von ökonomischem und sozialem Druck der Gesellschaft. Diese Aspekte zu vernachlässigen und die Entscheidungen für oder gegen Kinder als eine rein persönliche Entscheidung der Eltern zu betrachten bedeutet auch, die Unterdrückungsmechanismen als ein individuelles Problem der Eltern zu sehen. Dabei handelt es sich aber um gesellschaftlich strukturelle Probleme und diese gehören als solche bekämpft!

Neuer Mobi-Blog gegen “Lebensschützer”

Letztes Jahr gab es ja erstmals eine Gegenmobilisierung gegen den Marsch der Abtreibungsgegner_innen in Annaberg-Buchholz (Bericht hier). Diese Initiative wird in diesem Jahr weiterentwickelt. Ein neues Blog unter dem Titel schweigemarsch-stoppen wurde gestartet, auf dem es bereits den Kurzaufruf gegen den Schweigemarsch der CDL am 01.06. in Annaberg-Buchholz gibt!