Kreuze-Marsch in Sachsen: Aufruf!

Am 6. Juni heißt es unter dem Motto „Emanzipation ist viel geiler“ wieder Schweigemarsch stoppen in Annaberg-Buchholz im Erzgebirge. Auch aus Berlin gibt es einen Bus! Den langen Aufruf findet ihr hier. Besonders interessant ist der 6. Abschnitt geworden:

Schwangerschaftsabruch und Selektion von Menschen mit Behinderungen

Ein häufig genanntes Argument von LebenschützerInnen ist, dass durch den freien Zugang zu Schwangerschaftsabrüchen in Kombination mit immer besseren Untersuchungsmöglichkeiten von Embryonen, Kinder mit Behinderungen nicht mehr zur Welt kommen würden und bezeichnen dies als Diskriminierung der Embryonen auf Grund von Behinderung.
Tatsächlich sind die Entwicklungen in der Pränataldiagnostik und der Praxis von Abtreibungen aufgrund von möglichen Behinderungen beängstigend. Zwar wurden mit der Änderung des §218 1995 Abtreibungen mit dieser Begründung verboten, doch in der Praxis ist davon nichts zu spüren. Im Gegenteil steigt der Druck auf die Eltern zusammen mit den Möglichkeiten der Erkennung von sogenannten Risikofaktoren kontinuierlich an. Dass nach einer entsprechenden Diagnose die Abtreibungsquote sehr hoch liegt, bedeutet für Menschen mit Behinderung ein Abwertung ihrer Existenz.
Es ist falsch, an dieser Stelle Frauen*rechte und Rechte von Menschen mit Behinderungen gegeneinander auszuspielen. Menschen die Kinder haben wollen, sollten diese bekommen und wenn sie eben ungewollt schwanger sind, sollten sie das Recht haben abzutreiben. Sollte sich während der Schwangerschaft herausstellen, dass das Kind mit Behinderungen zur Welt kommen könnte, gilt es zum Einen den Eltern Beratung und Unterstützung zukommen zu lassen. Zum Anderen muss es die Aufgabe unserer Gesellschaft sein, Barrieren für Menschen mit Behinderungen weiter abzubauen. Hierbei gilt es, die Kämpfe von Menschen mit Behinderungen zu unterstützen.

„Radikalisierung im Bürgertum“: AfD, „Lebensschutz“ und Co.

Ein super Überblicks-Artikel über AfD, Pegida, die Rechtsbewegung der bürgerlichen Mitte und religiöse Strömungen:

„Die Radikalisierung im Bürgertum macht offenkundig vor den Christen nicht halt. Konservative Katholiken und Evangelikale erweisen sich sogar als besonders anfällig. In diesen Milieus ist es in den letzten Jahren zu einer Spaltung in einen moderaten und einen sich ideologisch verhärtenden Teil gekommen. Die Spaltung der AfD, die Pegida-Bewegung, der Streit über die „Homo-Ehe“ und die Flüchtlinge haben diesen Prozess beschleunigt. Von Anfang an zeigten Christen, die sich „konservativ“ geben, aber längst rechtspopulistisch sind, Sympathien für Pegida….

Diejenigen, die noch Mitglied der CDU sind, nutzen die AfD überdies als Drohkulisse, um ihre Ziele zu erreichen. So behauptete die von Mechthild Löhr angeführte Gruppierung „Christdemokraten für das Leben“, die CDU bevorzuge Schwule und Lesben gegenüber den Lebensschützern. Sie beschwerte sich bei Generalsekretär Peter Tauber darüber, dass die „Christdemokraten für das Leben“ nicht in den drei Zukunftskommissionen der Partei vertreten seien. Drohend fügte Löhr hinzu: „Einige von uns sind auch schon zur AfD gegangen.“

Martina Kempf, Mitglied des Bundesvorstands der Vereinigung „Christen in der AfD“, bekannte Anfang Dezember in einem Leserbrief an die katholische „Tagespost“ freimütig, die „Christdemokraten für das Leben“ in Baden-Württemberg und „AfD-Christen“ hätten „in enger Zusammenarbeit“ durch eine Demonstration die „Schließung der landesgrößten Abtreibungsklinik erreicht“. Kempf zählt zu den Mitgründern des AfD-nahen christlichen „Pforzheimer Kreises“, der im Dezember 2014 forderte, dass „Christen aller Konfessionen bei Pegida mitmachen“ müssten.“ mehr

Kristina Schröder und die Religion

Die ehemalige Frauenministerin Kristina Schröder ist nach langer Abwesenheit am vergangenen Montag in der Politdiskussionsrunde Hart aber Fair wieder aufgetaucht. Hauptsächlich, um „den Muslimen“ Sexismus vorzuwerden. Mely Kiyak hat sich dankendwerterweise den religiösen Hintergrund der Ex-Ministerin mal genauer angeschaut:

Kristina Schröders Mitgliedschaft in der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) scheint für die öffentliche Wahrnehmung ihres Mandates völlig unerheblich zu sein. Die SELK ist aber eine rechte, antifeministische, evangelikale Vereinigung.

Was tun, wenn man weiß, dass eine Politikerin einen Glauben lebt, der die Rückbesinnung auf die Bibel als Fundament für das Zusammenleben von Mann und Frau lehrt? Einen Glauben, der als Gesellschaftsordnung für Gläubige, Nichtgläubige und Andersgläubige ein reaktionäres, antifeministisches und antimuslimisches Modell anstrebt? Ganz einfach: Man muss diesen Umstand wenigstens einmal öffentlich erwähnen, bevor man Kristina Schröder und andere prominente Bibeltreue wie Erika Steinbach, die ebenfalls Mitglied der SELK ist, über Politik reden und handeln lässt.

Religions-Dossier

In der aktuellen schweizerischen WOZ gibt es ein Dossier mit einer Reihe hochinteressanter Artikel zu Religion, Evangelkalen und Fundamentalismen:

Der Züricher „Marsch fürs Läbe“ hat seine Erscheinungsform von Kindersärgen und weissen Kreuzen zu Luftballons und Feieratmosphäre geändert, dabei allerdings seinen reaktionären Inhalt beibehalten.

Christliches Engagement in der sozialen Arbeit hat eine lange Tradition. Es ist aber keineswegs unproblematisch, wie dieser Artikel über evangelikale Wekstätten und Wohnheime für psychisch beeinträchtigte Menschen zeigt.

Ein Bericht über eine junge Frau, die es geschafft hat, aus freikichlich-fundamentalistischen Zusammenhängen auszusteigen.

Marxismus und Kapitalismus haben mehr mit Religion zu tun, als manchen Linken lieb ist. In diesem Artikel wird auch der Unterschied zwischen „Die Religion ist das Opium für das Volk“ (Lenin) und „Religion ist das Opium des Volkes“ erklärt.

Auferstehungserzählungen in der Fantasy-Literatur (Narnia, Harry Potter etc.) werden analysiert.

 

Colorado Springs: Geständnis „warrior for the babies“

Nach dem Anschlag auf das Planned Parenthood Center in Colorado Springs, USA Ende vergangenen Monats, bei dem drei Menschen getötet wurden und neun schwer verletzt wurden, hatte der mutmaßliche Schütze Robert L. Dear Jr. diese Woche seine erste Anhörung vor Gericht. Hierbei bestätigte sich, was bisher nur eine Vermutung war: Dear versteht sich selbst als „Lebensschützer“. Während der Anhörung erklärte er sich „schuldig“, bezeichnete sich als „warrior for the babies“ und verlangte, “Could you add the babies that were supposed to be aborted that day? Could you add that to the list?”. Dies kann wohl so verstanden werden, dass er die Toten, die er verurascht hat gegen die „Babys“, die er gerettet zu haben glaubt, aufgerechnet sehen möchte.

Die Stimmung in den USA ist seit dem Sommer ernorm aufgeheizt, als „Lebensschützer“ manipulierte Videos präsentierten und Mitarbeiter*innen von Planned Parenthood des Verkaufs von „baby parts“ und der „Ernte“ von Organen beschuldigten. Trotz dieser gleichen Rhetorik behaupteten us-amerikanische und auch deutsche „Lebensschützer“, der Anschlag habe mit „Lebensschutz“ nichts zu tun. Aber man kann sich seine Verbündeten halt nicht immer aussuchen:

Wer das Klima derart anheizt und über Wochen Stimmung gegen Ärzt*innen und medizinisches Personal macht, die auch Abtreibungen anbieten sollte sich nicht wundern, wenn das dann jemand als Aufforderung versteht, diese angeblich unerträglichen Zustände zu beenden.

Daher ist auch die Aussage des Bundesverband Lebensrecht (BVL) heuchlerisch, „Töten und Morden haben mit Lebensschutz nichts, aber auch gar nichts zu tun, im Gegenteil, dies ist ein scharf zu verurteilender Angriff auf das Lebensrecht. …Genau diese Achtung vor dem Leben hat dieser offensichtlich verwirrte Täter mit seiner entsetzlichen Tat pervertiert.“

„Offensichtlich“ ist vielmehr, dass sowas von sowas kommt. Das hat immerhin auch der Evangelikale und „Lebensschützer“ ‚It is time for pro-life activists to examine the unintended consequences of our often over-heated rhetoric‘.

Wir empfehlen die Lektüre dieses Artikels Herrn Lohmann, Herrn Annen, und auch Alexandra Maria Linder („Geschäft Abtreibung“) usw. usf.

Colorado Springs, Lesung & Interview „Selbstbestimmte Norm“

Unter dem irritierenden Titel „Es gibt feministische Argumente gegen Abtreibungen“ gibt es in der Süddeutschen Zeitung online ein interessantes Interview mit der Autorin von „Selbstbestimmte Norm. Feminismus, Pränataldiagnostik, Abtreibung“, Kirsten Achtelik (auch in englisch).

Das Buch wird am kommenden Montag nochmal in Berlin vorstellen. Der akj lädt ein, das Feld Abtreibung und Pränataldiagnostik unter einem juristischen Blickwinkel zu diskutieren. Mit der Autorin wird die Antidiskriminierungsrechts-Expertin Juana Remus u.a. über die rechtlichen Einschätzung eines möglichen Vorgehens gegen selektive Pränataldiagnostik diskutieren: Montag, 7.12. 19 Uhr, Juristische Fakultät der HU Berlin, Bebelplatz 2, Raum E42, die Räumlichkeiten sind rollstuhlgerecht, facebook-event

Nach dem Anschlag in Colorado Springs Ende letzter Woche hat Kirsten Achtelik einen Text über den Anschlag auf die Plannend Parenthood-Klinik reflektiert: „Wird das Klima rauer? Müssen wir, die wir ‚pro choice‘ sind, jetzt nicht erst recht alle zusammenhalten, unsere ‚abortion provider‘ supporten und die innerfeministischen Differenzen ruhen lassen? Ist ein Text wie mein Buch ‚Selbstbestimmte Norm. Feminismus, Pränataldiagnostik, Abtreibung‘ nicht gerade jetzt ganz falsch? … – schadet das nicht der Sache? Wahrscheinlich denken das einige (die das aber wohl vor dem Anschlag auch schon gedacht haben), und auch ich habe mir darüber vor meiner ersten Buchvorstellung nach dem Anschlag den Kopf zerbrochen.“

Mit wichtigem Ergebnis: „Lasst uns die Reihen schließen, meinetwegen. Aber lasst uns in diesen Reihen ganz viel miteinander diskutieren.“