Kristina Schröder und die Religion

Die ehemalige Frauenministerin Kristina Schröder ist nach langer Abwesenheit am vergangenen Montag in der Politdiskussionsrunde Hart aber Fair wieder aufgetaucht. Hauptsächlich, um “den Muslimen” Sexismus vorzuwerden. Mely Kiyak hat sich dankendwerterweise den religiösen Hintergrund der Ex-Ministerin mal genauer angeschaut:

Kristina Schröders Mitgliedschaft in der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) scheint für die öffentliche Wahrnehmung ihres Mandates völlig unerheblich zu sein. Die SELK ist aber eine rechte, antifeministische, evangelikale Vereinigung.

Was tun, wenn man weiß, dass eine Politikerin einen Glauben lebt, der die Rückbesinnung auf die Bibel als Fundament für das Zusammenleben von Mann und Frau lehrt? Einen Glauben, der als Gesellschaftsordnung für Gläubige, Nichtgläubige und Andersgläubige ein reaktionäres, antifeministisches und antimuslimisches Modell anstrebt? Ganz einfach: Man muss diesen Umstand wenigstens einmal öffentlich erwähnen, bevor man Kristina Schröder und andere prominente Bibeltreue wie Erika Steinbach, die ebenfalls Mitglied der SELK ist, über Politik reden und handeln lässt.

Religions-Dossier

In der aktuellen schweizerischen WOZ gibt es ein Dossier mit einer Reihe hochinteressanter Artikel zu Religion, Evangelkalen und Fundamentalismen:

Der Züricher “Marsch fürs Läbe” hat seine Erscheinungsform von Kindersärgen und weissen Kreuzen zu Luftballons und Feieratmosphäre geändert, dabei allerdings seinen reaktionären Inhalt beibehalten.

Christliches Engagement in der sozialen Arbeit hat eine lange Tradition. Es ist aber keineswegs unproblematisch, wie dieser Artikel über evangelikale Wekstätten und Wohnheime für psychisch beeinträchtigte Menschen zeigt.

Ein Bericht über eine junge Frau, die es geschafft hat, aus freikichlich-fundamentalistischen Zusammenhängen auszusteigen.

Marxismus und Kapitalismus haben mehr mit Religion zu tun, als manchen Linken lieb ist. In diesem Artikel wird auch der Unterschied zwischen “Die Religion ist das Opium für das Volk” (Lenin) und “Religion ist das Opium des Volkes” erklärt.

Auferstehungserzählungen in der Fantasy-Literatur (Narnia, Harry Potter etc.) werden analysiert.

 

Colorado Springs: Geständnis “warrior for the babies”

Nach dem Anschlag auf das Planned Parenthood Center in Colorado Springs, USA Ende vergangenen Monats, bei dem drei Menschen getötet wurden und neun schwer verletzt wurden, hatte der mutmaßliche Schütze Robert L. Dear Jr. diese Woche seine erste Anhörung vor Gericht. Hierbei bestätigte sich, was bisher nur eine Vermutung war: Dear versteht sich selbst als “Lebensschützer”. Während der Anhörung erklärte er sich “schuldig”, bezeichnete sich als “warrior for the babies” und verlangte, “Could you add the babies that were supposed to be aborted that day? Could you add that to the list?”. Dies kann wohl so verstanden werden, dass er die Toten, die er verurascht hat gegen die “Babys”, die er gerettet zu haben glaubt, aufgerechnet sehen möchte.

Die Stimmung in den USA ist seit dem Sommer ernorm aufgeheizt, als “Lebensschützer” manipulierte Videos präsentierten und Mitarbeiter*innen von Planned Parenthood des Verkaufs von “baby parts” und der “Ernte” von Organen beschuldigten. Trotz dieser gleichen Rhetorik behaupteten us-amerikanische und auch deutsche “Lebensschützer”, der Anschlag habe mit “Lebensschutz” nichts zu tun. Aber man kann sich seine Verbündeten halt nicht immer aussuchen:

Wer das Klima derart anheizt und über Wochen Stimmung gegen Ärzt*innen und medizinisches Personal macht, die auch Abtreibungen anbieten sollte sich nicht wundern, wenn das dann jemand als Aufforderung versteht, diese angeblich unerträglichen Zustände zu beenden.

Daher ist auch die Aussage des Bundesverband Lebensrecht (BVL) heuchlerisch, “Töten und Morden haben mit Lebensschutz nichts, aber auch gar nichts zu tun, im Gegenteil, dies ist ein scharf zu verurteilender Angriff auf das Lebensrecht. …Genau diese Achtung vor dem Leben hat dieser offensichtlich verwirrte Täter mit seiner entsetzlichen Tat pervertiert.”

“Offensichtlich” ist vielmehr, dass sowas von sowas kommt. Das hat immerhin auch der Evangelikale und “Lebensschützer” ‘It is time for pro-life activists to examine the unintended consequences of our often over-heated rhetoric’.

Wir empfehlen die Lektüre dieses Artikels Herrn Lohmann, Herrn Annen, und auch Alexandra Maria Linder (“Geschäft Abtreibung”) usw. usf.

Colorado Springs, Lesung & Interview “Selbstbestimmte Norm”

Unter dem irritierenden Titel “Es gibt feministische Argumente gegen Abtreibungen” gibt es in der Süddeutschen Zeitung online ein interessantes Interview mit der Autorin von “Selbstbestimmte Norm. Feminismus, Pränataldiagnostik, Abtreibung”, Kirsten Achtelik (auch in englisch).

Das Buch wird am kommenden Montag nochmal in Berlin vorstellen. Der akj lädt ein, das Feld Abtreibung und Pränataldiagnostik unter einem juristischen Blickwinkel zu diskutieren. Mit der Autorin wird die Antidiskriminierungsrechts-Expertin Juana Remus u.a. über die rechtlichen Einschätzung eines möglichen Vorgehens gegen selektive Pränataldiagnostik diskutieren: Montag, 7.12. 19 Uhr, Juristische Fakultät der HU Berlin, Bebelplatz 2, Raum E42, die Räumlichkeiten sind rollstuhlgerecht, facebook-event

Nach dem Anschlag in Colorado Springs Ende letzter Woche hat Kirsten Achtelik einen Text über den Anschlag auf die Plannend Parenthood-Klinik reflektiert: “Wird das Klima rauer? Müssen wir, die wir ‘pro choice’ sind, jetzt nicht erst recht alle zusammenhalten, unsere ‘abortion provider’ supporten und die innerfeministischen Differenzen ruhen lassen? Ist ein Text wie mein Buch ‘Selbstbestimmte Norm. Feminismus, Pränataldiagnostik, Abtreibung’ nicht gerade jetzt ganz falsch? … – schadet das nicht der Sache? Wahrscheinlich denken das einige (die das aber wohl vor dem Anschlag auch schon gedacht haben), und auch ich habe mir darüber vor meiner ersten Buchvorstellung nach dem Anschlag den Kopf zerbrochen.”

Mit wichtigem Ergebnis: “Lasst uns die Reihen schließen, meinetwegen. Aber lasst uns in diesen Reihen ganz viel miteinander diskutieren.”

Berichte danach

Neues Deutschland, 19.09.2015: Reaktionärer »Lebensschützer«-Aufmarsch blockiert

“Sarah Bach, Sprecherin des »What the Fuck«, zog am Nachmittag ein erstes positives Fazit. »Super zufrieden« sei das Bündnis, dass der »Marsch für das Leben« wegen der Blockaden nicht wie geplant weiterlaufen konnte. Kritik übte die Bündnissprecherin am Polizeieinsatz. Mehre Teilnehmer hätten von einem »äußerst gewalttätigen« Vorgehen der Polizei berichtet.”

taz, 20.09.2015: Die Bibelstunde hilft nicht weiter

Die friedlichen “Lebensschützer: “„Wir haben schon vorher im Internet gelesen, dass die Linken uns dieses Mal blockieren wollen“, sagte eine Teilnehmerin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. „Aber dass wir hier wirklich nicht weiter kommen, hätte ich nicht gedacht.“ Mit einer Bibelstunde hätten sie und ihre BegleiterInnen, mit denen sie am Morgen aus Niedersachsen angereist sei, sich die Wartezeit verkürzt. Nun aber war ihre Geduld offenbar am Ende: „Wir haben schon mehrfach von der Polizei gefordert, die nächste Eskalationsstufe einzuleiten und uns den Weg frei zu machen“, sagte die Frau.

junge Welt, 21.09.2015: Abtreibungsgegner blockiert:

Igitt: “Auf mehreren Schildern wurde eine »Willkommenskultur für Ungeborene« gefordert. Die Kopplung der Themen Hilfe für Flüchtlinge und Ablehnung von Abtreibungen war offenkundig auch dem BVL Programm: Dessen Vorsitzender Martin Lohmann erklärte, Deutschland brauche eine »echte und glaubwürdige Willkommenskultur«, die »Flüchtlinge, Alte und Nichtgeborene« einbeziehe. Beatrix von Storch, Europaabgeordnete der »Alternative für Deutschland«, die schon in den Vorjahren teilgenommen hatte, lief dieses Mal in der ersten Reihe mit.”

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Protest-Möglichkeiten vor und nach dem Marsch

10 − 12 Uhr: Alexandra Maria Linder: Perfekt, gewollt, pünktlich. Wann ist ein Kind ein Mensch?
Vortrag und Buchvorstellung in der Bibliothek des Konservatismus Fasanenstraße 4, 10623 Berlin (Charlottenburg). Sie bitten um Anmeldungen…
Lindner ist die stellvertretende Vorsitzende der “Lebensrechtsorganisation” alfa

10:30 – 12:30 Uhr: Öffentliche Präsentation von Bündnis C und Kundgebung, Thema: „Politik braucht Christen” Ort: Tagungszentrum Aquino der Katholischen Akademie,  Hannoversche Straße 5b, 10115 Berlin-Mitte
Neben Repräsentanten der Partei werden sprechen:
Pfarrer Philip Kiril Prinz von Preußen
Christa Meves, Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin
Prof. Dr. Manfred Spieker, Prof. em. für Christliche Sozialwissenschaften an der Universität Osnabrück
Stieneke van der Graaf, ECPM-Vorstand
Michael Hesemann, Historiker, Bestsellerautor

Samstag, 19. September 2015, 19:30 bis 21:30 Uhr: Aufbruch zu einer Kultur des Lebens – die Diskussion zum Marsch für das Leben, mit Christa Meves und der Lindner nochmal
Ort: Bernhard-Lichtenberg-Haus des Erzbistums Köln (“Kathedralforum”), Hinter der Katholischen Kirche 3, 10117 Berlin-Mitte
Die Domspatz-Soirée ist öffentlich (und direkt hinter der St. Hedwigs-Kathedrale), soll aber 5 Euro kosten.

Na dann: Nicht alle Energie beim Blockeren des Marsches selbst verausgaben…

Kleine Presseschau

taz, 13.09.2015: Gegen die individuelle Freiheit
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dieser Artikel schafft es, das wtf-Bündnis nicht einmal zu erwähnen… das ist ihnen dann aber ein paar Tage später wohl auch aufgefallen:
taz, 17.09.2015: Um Himmels Willen!

Dagegen widmet sich das ND der Instrumentalisierung behinderter Menschen durch die “Lebensschützer”
Neues Deutschland, 16.09.2015: Dein Freund und Lebensschützer

Und auch die Jungle World geht der Frage nach, was es mit den zwei Bündnissen auf sich hat
Jungle World, 17.9.2015: Zweigleisig gegen Abtreibungsgegner