Polen: Verschärfung Abtreibungsrecht befürchtet

Ein guter Text vom Deutschlandfunk fasst die hochproblematische Situation in Polen zusammen:

„Die Situation ist tatsächlich sehr ernst. Es ist fast sicher, dass unser Abtreibungsgesetz verschärft wird, obwohl wir ohnehin eines der schärfsten Abtreibungsgesetze in Europa haben. Frauen werden der Gefahr ausgesetzt, ihr Leben zu verlieren, wenn es durch die Schwangerschaft bedroht ist. Das ist schwer vorstellbar, aber traurige Wirklichkeit.“

Die Abtreibungsgegner wollen alle drei Ausnahmefälle abschaffen, bei denen ein Schwangerschaftsabbruch heute noch möglich ist: nach einer Vergewaltigung, wenn das Kind schwer behindert sein wird oder wenn die Gesundheit der Mutter in Gefahr ist. Die Ärzte sollen der Mutter zwar medizinisch helfen, aber nicht vorsätzlich die Schwangerschaft abbrechen dürfen.

In ihrer Propaganda benutzen die AbtreibungsgegnerInnen auch behinderte Kinder:

Ein schockierendes Video vom März zeigt, dass das Kind, das schwer behindert zur Welt gekommen wäre, nach der Abtreibung noch lebte. „Das unschuldige Kleine weinte eine Stunde, bis es endlich starb“, schrieb ein katholischer Publizist.

Das ist, wenn es denn stimmt, ein Skandal, mit dem man aber ganz anders umgehemn könnte und müsste, als die Abtreibungsgesetze zu verschärfen.

Konferenz-Doku

Das Netzwerk gegen Selektion durch Pränataldiagnostik hat auf seiner Jahrestagung „Nur Mut! Unbequeme Standpunkte zur Pränataldiagnostik“ auch über „Lebensschützer“ und den Umgang damit diskutiert. Hier findet sich die Dokumentation, in der das Referat von Michael Zander, die anschließende Diskussion und alle Workshops nachzulesen sind.

Trotzdem ist die Vorstellung, es gebe Ge-
meinsamkeiten mit den „Lebensschützern“,
problematisch. Bei der Einschätzung dieser
Frage kommt es nicht nur auf das jeweilige
Argument an, sondern auf den politischen
Kontext, in dem das Argument mit anderen
Aussagen verknüpft wird. Mein Vortrag soll
klären, wer die „Lebensschützer“ sind, wie
sie argumentieren und wie sich ihre Stand-
punkte zu denen der Behindertenbewegung
und des Feminismus verhalten.
Spannend!

„Radikalisierung im Bürgertum“: AfD, „Lebensschutz“ und Co.

Ein super Überblicks-Artikel über AfD, Pegida, die Rechtsbewegung der bürgerlichen Mitte und religiöse Strömungen:

„Die Radikalisierung im Bürgertum macht offenkundig vor den Christen nicht halt. Konservative Katholiken und Evangelikale erweisen sich sogar als besonders anfällig. In diesen Milieus ist es in den letzten Jahren zu einer Spaltung in einen moderaten und einen sich ideologisch verhärtenden Teil gekommen. Die Spaltung der AfD, die Pegida-Bewegung, der Streit über die „Homo-Ehe“ und die Flüchtlinge haben diesen Prozess beschleunigt. Von Anfang an zeigten Christen, die sich „konservativ“ geben, aber längst rechtspopulistisch sind, Sympathien für Pegida….

Diejenigen, die noch Mitglied der CDU sind, nutzen die AfD überdies als Drohkulisse, um ihre Ziele zu erreichen. So behauptete die von Mechthild Löhr angeführte Gruppierung „Christdemokraten für das Leben“, die CDU bevorzuge Schwule und Lesben gegenüber den Lebensschützern. Sie beschwerte sich bei Generalsekretär Peter Tauber darüber, dass die „Christdemokraten für das Leben“ nicht in den drei Zukunftskommissionen der Partei vertreten seien. Drohend fügte Löhr hinzu: „Einige von uns sind auch schon zur AfD gegangen.“

Martina Kempf, Mitglied des Bundesvorstands der Vereinigung „Christen in der AfD“, bekannte Anfang Dezember in einem Leserbrief an die katholische „Tagespost“ freimütig, die „Christdemokraten für das Leben“ in Baden-Württemberg und „AfD-Christen“ hätten „in enger Zusammenarbeit“ durch eine Demonstration die „Schließung der landesgrößten Abtreibungsklinik erreicht“. Kempf zählt zu den Mitgründern des AfD-nahen christlichen „Pforzheimer Kreises“, der im Dezember 2014 forderte, dass „Christen aller Konfessionen bei Pegida mitmachen“ müssten.“ mehr

Religions-Dossier

In der aktuellen schweizerischen WOZ gibt es ein Dossier mit einer Reihe hochinteressanter Artikel zu Religion, Evangelkalen und Fundamentalismen:

Der Züricher „Marsch fürs Läbe“ hat seine Erscheinungsform von Kindersärgen und weissen Kreuzen zu Luftballons und Feieratmosphäre geändert, dabei allerdings seinen reaktionären Inhalt beibehalten.

Christliches Engagement in der sozialen Arbeit hat eine lange Tradition. Es ist aber keineswegs unproblematisch, wie dieser Artikel über evangelikale Wekstätten und Wohnheime für psychisch beeinträchtigte Menschen zeigt.

Ein Bericht über eine junge Frau, die es geschafft hat, aus freikichlich-fundamentalistischen Zusammenhängen auszusteigen.

Marxismus und Kapitalismus haben mehr mit Religion zu tun, als manchen Linken lieb ist. In diesem Artikel wird auch der Unterschied zwischen „Die Religion ist das Opium für das Volk“ (Lenin) und „Religion ist das Opium des Volkes“ erklärt.

Auferstehungserzählungen in der Fantasy-Literatur (Narnia, Harry Potter etc.) werden analysiert.

 

Colorado Springs: Geständnis „warrior for the babies“

Nach dem Anschlag auf das Planned Parenthood Center in Colorado Springs, USA Ende vergangenen Monats, bei dem drei Menschen getötet wurden und neun schwer verletzt wurden, hatte der mutmaßliche Schütze Robert L. Dear Jr. diese Woche seine erste Anhörung vor Gericht. Hierbei bestätigte sich, was bisher nur eine Vermutung war: Dear versteht sich selbst als „Lebensschützer“. Während der Anhörung erklärte er sich „schuldig“, bezeichnete sich als „warrior for the babies“ und verlangte, “Could you add the babies that were supposed to be aborted that day? Could you add that to the list?”. Dies kann wohl so verstanden werden, dass er die Toten, die er verurascht hat gegen die „Babys“, die er gerettet zu haben glaubt, aufgerechnet sehen möchte.

Die Stimmung in den USA ist seit dem Sommer ernorm aufgeheizt, als „Lebensschützer“ manipulierte Videos präsentierten und Mitarbeiter*innen von Planned Parenthood des Verkaufs von „baby parts“ und der „Ernte“ von Organen beschuldigten. Trotz dieser gleichen Rhetorik behaupteten us-amerikanische und auch deutsche „Lebensschützer“, der Anschlag habe mit „Lebensschutz“ nichts zu tun. Aber man kann sich seine Verbündeten halt nicht immer aussuchen:

Wer das Klima derart anheizt und über Wochen Stimmung gegen Ärzt*innen und medizinisches Personal macht, die auch Abtreibungen anbieten sollte sich nicht wundern, wenn das dann jemand als Aufforderung versteht, diese angeblich unerträglichen Zustände zu beenden.

Daher ist auch die Aussage des Bundesverband Lebensrecht (BVL) heuchlerisch, „Töten und Morden haben mit Lebensschutz nichts, aber auch gar nichts zu tun, im Gegenteil, dies ist ein scharf zu verurteilender Angriff auf das Lebensrecht. …Genau diese Achtung vor dem Leben hat dieser offensichtlich verwirrte Täter mit seiner entsetzlichen Tat pervertiert.“

„Offensichtlich“ ist vielmehr, dass sowas von sowas kommt. Das hat immerhin auch der Evangelikale und „Lebensschützer“ ‚It is time for pro-life activists to examine the unintended consequences of our often over-heated rhetoric‘.

Wir empfehlen die Lektüre dieses Artikels Herrn Lohmann, Herrn Annen, und auch Alexandra Maria Linder („Geschäft Abtreibung“) usw. usf.