Abtreibungsrecht in Türkei bleibt, wie es ist

Die Regierung gibt dem Druck von Frauenverbänden und EU nach

Kaiserschnitt-Geburten sollen dennoch neu geregelt werden

Istanbul – Die umstrittenen Pläne der türkischen Regierung für eine Verschärfung des Abtreibungsrechts sind nach Angaben eines ranghohen Politikers der Regierungspartei AKP vom Tisch. Der stellvertretende AKP- Fraktionsvorsitzende im Parlament von Ankara, Nurettin Canikli, sagte der Zeitung „Hürriyet“ vom Donnerstag, seine Partei werde dem Parlament keinen Gesetzentwurf vorlegen. Ursprünglich hatte die islamisch-konservative AKP eine Neufassung der Abtreibungsregeln noch vor der am 1. Juli beginnenden Sommerpause des Parlaments angekündigt.

Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hatte im Mai erklärt, Abtreibung sei Mord und müsse auch so behandelt werden. Auf Erdogans Anweisung hin begann das Gesundheitsministerium daraufhin mit der Vorbereitung für eine Neuregelung, die das bisher geltende Modell einer Fristenregelung bis zur zehnten Woche der Schwangerschaft ersetzen sollte. Laut Presseberichten wurde an eine Frist von künftig nur noch vier Wochen gedacht. Einige AKP-PolitikerInnen forderten zudem, auch Abtreibungen nach Vergewaltigungen müssten verboten werden. Weiterlesen

Angestrebtes Abtreibungsverbot in der Türkei: „Fortpflanzung ist eine Waffe. Und eine Mutter ist bloß ein Gefäß“.

SIBYLLE HAMANN (Die Presse)

Die Türkei will das Abtreibungsrecht verschärfen. Regierungschef Erdoğan spricht sogar offen aus, worum es dabei eigentlich geht: um Nation und Ökonomie, um Macht und Kontrolle.

Recep Tayyip Erdoğan ist ein Mann von 58 Jahren. Gemeinsam mit seiner Ehefrau hat er vier Kinder großgezogen, zwei Töchter, zwei Söhne. Erdoğan hat Wirtschaft studiert. Er war semiprofessioneller Fußballspieler. Außerdem war er jahrelang Bürgermeister von Istanbul.

Mediziner ist Erdoğan keiner. Dennoch hat er eine ausgeprägte Meinung zum Thema Kaiserschnitt. Er lehnt ihn ab, weil dieser Eingriff eine Narbe auf der Gebärmutter zurücklässt. Und obwohl er selbst kein derartiges Organ hat, hätte er die Gebärmütter anderer Menschen lieber unvernarbt. Frauen mit Gebärmutternarben scheuen manchmal nämlich davor zurück, allzu viele weitere Geburten zu haben. Kaiserschnitte, so Erdoğans Logik, führen dazu, dass Türkinnen höchstens zwei Kinder kriegen – und zwei seien zu wenig, weil es dann insgesamt zu wenig Türken und Türkinnen gibt. Aus demselben Grund will er bis Ende des Monats auch das Recht auf Abtreibung einschränken.

Seither tobt in der Türkei eine Abtreibungsdebatte. Die mit anderen Argumenten geführt wird als Abtreibungdebatten anderswo – und gerade deswegen lehrreich ist. Während in Westeuropa und in den USA nämlich stets auf religiös-moralischer Ebene gestritten wird, geht es in der Türkei nur ganz am Rande um Allah.

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