Positionspapier: Neue Reproduktionstechnologien – Selbstbestimmung – Selektion

Anlässlich des diesjährigen „Marsch für das Leben“ in Berlin am 22. September hat die Gruppe „kritische Feministinnen“ ein Positionspapier verfasst, in dem sie ihre Kritik an der aktuellen Verwendung des Begriffs der Selbstbestimmung in Hinblick auf Pränataldiagnostik und Präimplantationsdiagnostik mit einer Ablehnung der Argumentation der „Lebensschützer“ verbinden. Wir dokumentieren das Papier in voller Länge und lassen auch die Kommentarspalte offen, da sich die Autorinnen über eine Debatte ihres Papieres freuen.

Positionspapier Neue Reproduktionstechnologien – Selbstbestimmung – Selektion

Es geht uns in diesem Positionspapier nicht um ein Abarbeiten an konkreten Gesetzen oder darum, Forderungen nach Verboten aufzustellen. Vielmehr wollen wir den mit den reproduktiven Diagnoseverfahren verbundenen Machbarkeits-Diskurs angreifen und die „Normalität“ dieser Praxis in Frage stellen.Außerdem geht es uns darum, innerhalb von queer/feministischen Zusammenhängen eine kritische Debatte über Fragen zu Reproduktion und reproduktiven Technologien zu führen.

Selbstbestimmung – was bedeutet das?

Das Recht auf „Selbstbestimmung“ war eine der zentralen Forderungen der 2. Frauenbewegung. Mit Slogans wie „Mein Bauch gehört mir“ reklamierten die Frauen Anfang der 1970er Jahre, unabhängig von Eltern, (Ehe)männern und auch ohne Beeinflussung durch den Staat über ihren Körper und ihre Lebensführung selbst entscheiden zu wollen und zu können. Dies war ein wichtiger Schritt der Selbstermächtigung gegen das patriarchale System. Die Forderung, dass keine_r über den Köper und den Lebenswandel einer Frau entscheiden können soll, ist auch heute noch berechtig und wichtig.

Heute wird der Begriff jedoch häufig in einer individualistischen Engführung benutzt, die nur noch meint, dass jede Frau das Recht haben soll, das, was sie möchte auch zu bekommen. Selbstbestimmung wird individuell eingefordert, ohne die Frage nach der sozialen Bedingtheit der Wünsche zu stellen. Diese Individualisierung in Bezug auf Selbstbestimmung findet in einem historischen Moment statt, in dem die Verantwortung für soziale Absicherung immer weiter privatisiert und individualisiert wird. Jede_r einzelne wird dazu gedrängt, informierte Entscheidungen zu treffen, deren Konsequenzen nicht mehr gesellschaftlich verhandelt, geschweige denn abgefedert werden, sondern alleine getragen werden müssen.

Eine von grundlegender gesellschaftlicher Kritik an den schlechten Verhältnissen gelöste Forderung nach Selbstbestimmung ist individualistisch, unpolitisch, eurozentrisch, ahistorisch und bietet mannigfache Anschlusspunkte für neoliberale Diskurse. Unter dem Label der freien Entscheidung und der persönlichen Autonomie wird das „gewählt“, was am besten zu passen scheint – oft nur die Weiterführung machtförmiger Verhältnisse im Privatleben. In einer auf Zwängen, Ungerechtigkeiten und Konkurrenz beruhenden Gesellschaft kann es jedoch keine wirklich freien Entscheidungen geben.

Unser Eindruck ist, dass auch bei Feministinnen der Selbstbestimmungsbegriff nicht immer gesellschaftskritisch sondern rein individualistisch benutzt wird und Fragen nach bevölkerungspolitischen Implikationen bestimmter Entscheidungen ignoriert werden. Das wird besonders deutlich bei der Positionierung zu PND/PID.

Behinderung und Selektion

Wir wenden uns gegen eine Definition von „Behinderung“ als „krank“ und als identitäres Merkmal der „Betroffenen“ in zwangsläufiger Verknüpfung mit „Leiden“. Die Annahme, dass dieses „Leiden“ verhindert werden könne und auch müsse, führt zu einem Selektions-Prozess und einer „Eugenik von unten“.

Wir kritisieren die weitverbreitete und normalisierte Anwendung von Pränataldiagnostik (PND), zu der auch Ultraschalluntersuchungen gehören, und die kürzlich erfolgte Legalisierung der Präimplantationsdiagnostik (PID). Mit Selbstbestimmung als emanzipatorischem Freiheitsbemühen haben Methoden wie PND/PID nichts zu tun.

Die Forderung nach individueller Entscheidungsfreiheit über Abtreibung dagegen richtet sich bewusst oder unbewusst gegen die herrschenden, patriarchalen Verhältnisse und gegen das immer noch geltende Frauenbild als Mutter und Fürsorgerin. Durch die Forderung, dass Frauen über ihre eigenen Körper ohne die Erlaubnis des Erzeugers oder des Staates entscheiden können sollen, wird gleichzeitig die Frau als autonomes selbstverantwortliches Subjekt postuliert. Die Forderung nach der Abschaffung des § 218 ist also emanzipatorisch und auf die Befreiung von Bevormundung gerichtet.

Die immer weitere Ausbreitung von PN- und PI-Diagnoseverfahren ist hingegen als Ausweitung der Möglichkeiten zur „Normalisierung“ und „Optimierung“ zukünftigen Nachwuchses zu sehen. Ängste und Befürchtungen, die mit einer Schwangerschaft häufig verbunden sind, werden in einem technisierten Machbarkeitsdiskurs durch eine Fokussierung auf diese Diagnoseverfahren von gesellschaftlichen Bedingungen (Situation am Arbeitsplatz, Aufteilung der Sorgearbeit, unzureichende Versorgungssituation) weg- und zu möglichen individuellen Erschwernissen („mit einem behinderten Kind geht das ja gar nicht“) hingelenkt. Die Sorge um die Möglichkeiten der Entscheidung über die eigene Lebensführung mit Kind führt zu einem selektiven Prozess, in dem vormals gewünschte Kinder, denen ein erhöhter Pflegebedarf prognostiziert wird, im Zuge einer „Eugenik von unten“ aussortiert werden. Die gesellschaftlich herrschenden Normierungen und Zurichtungen werden von den Frauen vielleicht nicht ohne Zweifel, aber häufig kritik- und widerstandslos ausgeübt. Frauen sind in diesem Prozess keine Opfer sondern (Mit-)Täterinnen, die durch ihre individuelle Entscheidungen zur „Bevölkerungsoptimierung“ beitragen.

Gegen die Anti-Argumente der „Lebensschützer“

Die christlichen Fundamentalist_innen haben ihren „Marsch für das Leben“ am 22. September unter das Motto „Gegen Abtreibung und Euthanasie“ gestellt. Jede Abtreibung ist für sie Mord, Sterbehilfe und Abtreibung nach Pränataldiagnostik bezeichnen sie als „Euthanasie“. Da Gott allein über Leben und Tod bestimmen soll, fordern sie das ausnahmslose Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen und von reproduktiven Technologien. Jedes Kind muss in dieser Logik als „Gottesgeschenk“ angenommen werden. Die Frau als Subjekt jedoch kann die Entscheidung für oder gegen ein Kind nicht in die Hände welchen Gottes auch immer geben. Eigenverantwortliches Handeln bedeutet, unter den jetzt gegeben Umständen die Konsequenzen ihrer Entscheidung relativ alleine zu managen. Dazu gehört auch zu entscheiden, ob sie die Belastungen tragen kann, die die Diagnose „behindertes“ Kind in dieser behindertenfeindlichen Gesellschaft beinhaltet.

Abtreibungen als „Euthanasie“ zu bezeichnen, sie also gleichzusetzen mit der systematischen und massenhaften Ermordung als behindert und psychisch gestört diagnostizierter Menschen im Nationalsozialismus, ist eine Verharmlosung der NS-Verbrechen und ein strategischer Versuch, Frauen, die die Entscheidung zu einer Abtreibung getroffen haben, mit Naziverbrecher_innen gleichzusetzen.

Perspektiven

Wir wollen den fragwürdig gewordenen Begriff Selbstbestimmung nicht aufgeben, sondern ihn wieder politisch füllen und die Forderung nach möglichst freier Entscheidung jeder und jedes einzelnen mit einer Kritik an machtförmigen Begrenzungen verbinden. Ein gesellschaftlich gedachter Selbstbestimmungsbegriff soll dazu beitragen, gute Lebensbedingungen für alle zu ermöglichen.

Um die aufgeworfenen Probleme zu lösen, ist es notwendig, grundsätzlich die momentanen Verhältnisse in Frage zu stellen und sich Gedanken darüber zu machen, wie wir eigentlich zusammen leben wollen. Wir wollen über andere Formen von Familie und Verwandtschaft nachdenken als die der heterosexuellen Kleinfamilie. Kinderplanung soll keiner Bewertung unterliegen, wer wann wie am besten Kinder bekommen sollte. Die Dichotomie von „gesund“ und „krank“ muss aufgebrochen werden und Behinderung muss als soziales Modell verhandelt werden, so dass der Fokus auf den gesellschaftlich bedingten Beschränkungen liegt.

Wir alle sind auf Pflege und Fürsorge angewiesen. Die gesellschaftliche Organisation von Pflege muss wieder stärker Teil einer politischen Auseinandersetzung sein. Überhaupt brauchen wir eine Gesellschaft, die nicht auf Konkurrenz- und Leistungsdenken basiert.

kritische.feministinnen[at]riseup.net

Stand September 2012

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Ein Gedanke zu „Positionspapier: Neue Reproduktionstechnologien – Selbstbestimmung – Selektion

  1. Pingback: Kundgebung gegen die PID-Verordnung | Gegen Abtreibungsverbot und christlichen Fundamentalismus!

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