Grußwort von Oliver Tolmein zur heutigen Kundgebung

Liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter, liebe Freundinnen und Freunde –

Ich wünsche Ihnen und Euch einen erfolgreichen Protest gegen die Verleihung des Peter-Singer-Preises an Peter Singer – auch und gerade weil wir, die wir in den 1980er und 1990er Jahren versucht haben Auftritte von Peter Singer in Deutschland zu verhindern, vermutlich mit dafür verantwortlich sind, dass er heute Namensgeber und Preisträger zugleich ist.

Peter Singer hat nämlich den ersten und bislang letzten Ethik-Preis der Giordano Bruno Stiftung 2011 nicht allein und nicht einmal in erster Linie bekommen, weil er ein so engagierter Tierschützer ist. Und auch die Diskussionen und Debatten im Umfeld der aktuellen Preisverleihung zeigen, warum gerade der Präferenzutilitarist Peter Singer und nicht eine der vielen anderen Vordenkerinnen des Tierschutzes oder der in diesem Bereich aktiven Menschen und Organisationen Namensgeber und Träger dieses Preises zugleich geworden ist – gerade so, als wäre der Einsatz gegen das Leiden von Tieren eine ethische Ein-Mann-show.

Einzigartig an dem australischen Philosophen, der in Princeton lehrt sind vor allem zwei Aspekte seiner Arbeit: zum einen sind seine Überlegungen zum Tierschutz zwingend mit seinen Positionen zur Tötung von bestimmten Menschen mit Behinderungen verknüpft – seine Kritik an der rücksichtslosen Verwertung von Tieren ist damit immer zugleich eine Bejahung der Leistungsgesellschaft in ihrer jetzigen Form; gleichzeitig ist er, auch wegen der gegen seine diskriminierenden Positionen gerichteten Proteste,zu einer Symbolfigur geworden für dieses heutzutage so beliebte „Man wird ja wohl noch denken dürfen…“ das, zumindest in geeigneten Fällen,behauptet, über Meinungsfreiheit ließe sich völlig losgelöst von den verfochtenen Inhalten und den gesellschaftlichen Entwicklungen in die sie eingebettet ist, diskutieren. Das ist schon deswegen nicht so, weil jedenfalls ein Satz aus dem Nachwort von Jean Claude Wolf, der Peter Singers „Praktische Ethik“ ins Deutsche übersetzt hat, auf dieses Werk zutrifft: Das „Schwergewicht liegt nicht auf der Ausarbeitung einer Theorie, sondern auf ihrer Anwendung.“

Theresia Degener, mit der ich damals gemeinsam an Aktionen gegen Peter Singer beteiligt war, hat in ihrem Grußwort zum Thema Meinungsfreiheit schon vieles Wichtige gesagt.

Ich möchte deswegen kurz meine Überlegung von vorhin aufgreifen: Peter Singer ist auch deswegen ein Star der humanistischen Szene mit ihrer Begeisterung für die Deregulierung von Sterbehilfe, für die Etablierung des ärztlich assistierten Suizids, die Freigabe von Präimplantationsdiagnose und Pränatests, weil es seit vielen Jahren und mit großem Nachdruck Proteste gegen ihn gibt – denn das ermöglicht ihnen für Meinungsfreiheit einzutreten und damit aber den Inhalt dieser Meinung zu befördern. Wir müssen uns diese Ambivalenz klar machen und deswegen auch immer wieder Art und Stoßrichtung des Protestes reflektieren. Dennoch ist es sinnvoll und wichtig, eine Preisverleihung an Singer nicht einfach der allgemeinen Routine zu überlassen und damit die gesellschaftliche Normalisierung der Diskriminierung geschehen zu lassen, der auf anderem Gebiet gerade rechtliche Grenzen gezogen worden sind. Deswegen freue ich mich auch, dass das Engagement, das die ersten Proteste gegen Peter Singer motiviert hat, sich an manchen Punkten verändert hat und weiterentwickelt worden ist, aber auch praktisch geblieben ist. Denn gegen eine praktische Ethik braucht es auf jeden Fall auch einen praktischen Protest!

Oliver Tolmein

Rechtsanwalt und Mitbegründer der Kanzlei Menschen und Rechte, Journalist

Grußwort von Theresia Degener zur morgigen Kundgebung

Liebe Mitstreiter_innen, Freunde und Freundinnen!

Ich begrüße die Protestkundgebung „Kein Forum für Peter Singer“ und übersende Grußworte, weil ich selbst leider nicht teilnehmen kann.

Peter Singer ist ein erfolgreicher Wissenschaftler und ein Mensch, der sich verdienstvoll für den Tierschutz einsetzt. Er soll seine Menschenrechte, insbesondere das Recht auf Meinungs- und Redefreiheit und seine Wissenschaftsfreiheit genießen können. Aber er soll nicht die Menschenrechte anderer Menschen in Frage stellen. Das geschieht aber durch seine Praktische Ethik, in der er bestimmten behinderten Menschen, insbesondere schwerbehinderten Säuglingen das Lebensrecht abspricht. Er diskriminiert behinderte Menschen in dem er ein Leben mit Behinderung als potentiell negativ und für die Allgemeinheit als potentiell zu teuer einstuft.

Als vor fünfundzwanzig Jahren die Behindertenbewegung zusammen mit anderen sozialkritischen und kirchlichen Gruppen gegen die Auftritte von Peter Singer in Deutschland protestierte, war ich dabei. Ich war dabei, nicht weil ich eine Gegnerin der Meinungsfreiheit war, sondern weil ich der Meinung war, dass diese Proteste notwendig waren, um die Menschenwürde und die Gleichheitsrechte behinderter Menschen zu verteidigen.

Als vor fast zehn Jahren die Behindertenrechtskonvention in New York verabschiedet wurde, war ich erleichtert, weil endlich die Menschenrechte behinderter Menschen verbindlich festgeschrieben wurden. Ich hielt es insbesondere vor der zunehmenden Infragestellung unserer Menschenrechte für nötig, diesen verbindlichen völkerrechtlichen Vertrag zu verabschieden. Ich war froh, dass Menschen wie Peter Singer, nicht genügend Einfluss und Ansehen hatten, um die UN-Behindertenrechtskonvention und ihren Geist zu verhindern. Von den acht allgemeinen Prinzipien, die diesem Geist innewohnen sollen hier zwei genannt werden: die Achtung vor der dem Menschen innewohnenden Würde (Art. 3 a) und die Achtung vor der Unterschiedlichkeit von Menschen mit Behinderungen und die Akzeptanz dieser Menschen als Teil der menschlichen Vielfalt und der Menschheit (Art. 3 d).

Peter Singer zu würdigen bedeutet, diesen Geist in Frage zu stellen. Auch wenn es bei der Preisverleihung nun um seine Verdienste um den Tierschutz geht, wird dieser Geist der Behindertenrechtskonvention angefochten. Denn ohne die Abwertung behinderter Menschen, denen er einen Personenstatus aberkennt, ohne seine These, ein Schwein habe einen höheren moralischen Status als bestimmte schwerbehinderte Säuglinge, sind seine Positionen zu Tierrechten nicht zu haben. Er wertet Tiere und deren moralischen Status auf, indem er bestimmte behinderte Menschen abwertet. Die Abwertung behinderter Menschen ist der Preis für die Aufwertung der Tiere. Deshalb ist die Anerkennung seiner Verdienste um die Tierrechte leider implizit auch eine Anerkennung seiner Positionen zu Euthanasie.

Es ist wichtig, diese Verbindungen deutlich zu machen und sich für die bedingungslose Anerkennung der Menschenrechte behinderter Menschen einzusetzen. In diesem Sinne wünsche ich den Teilnehmenden dieser Kundgebung viel Erfolg und Energie!

Theresia Degener

Stellvertretende Vorsitzende des Ausschusses der Vereinten Nationen für die Rechte von Menschen mit Behinderungen

Neuigkeit 2: Tagesordnung der Preisverleihung umgekrempelt!

Nachdem die Urania offensichtlich seit Tagen vergeblich nach jemandem sucht, der ihr “Angebot” an die Kritiker_innen, ihre Position in 10 Minuten kurz darzustellen und dann die Veranstaltung wie geplant ablaufen zu lassen, gibt es jetzt einen Kanidaten, der sich nicht schämt: die “Lebensschützer”!

Der neue Ablauf, in den die Absage Schmidt-Salomons noch nicht eingearbeitet werden konnte, sieht eine Begüßung durch den Direktor der Urania, Herrn Dr. Bleyer, vor, der sich so mit der gesamten Veranstaltung gemein macht.

Anschließend wird es “Kritische Stellungnahmen von Herrn Johannes lgel und von Herrn Gerhard Steier (Bundesverband Lebensrecht) anlässlich der Preisverleihung” geben.

Wenn es noch eines Beweis bedurftes, dass die Singer-Kritiker und das Aktions-Bündnis “Kein Forum für Peter Singer” nichts mit den Lebensschützern zu schaffen haben, dann ist es wohl das: während wir protestieren, geben sie kritische Stellungnahmen ab.

By the way: Auf der Protestkundgebung sind “Lebensschützer” ausdrücklich nicht willkommen!

Herr Johannes Igel ist allerdings kein “Lebensschützer”, sondern hat eine Conterganschädigung. Er ist der Initiator der unter Betroffenen umstrittenen Denkmals für die Contergangeschädigten. Schon mit dem Denkmal wollte er “eine Brücke bauen zwischen dem Verursacher und den Geschädigten”.

Im Anschluss wird der Initiator des Fördervereins Dr. med. Walter Neussel ein Statement zur Preisverleihung abgeben. Er verlegt sich darauf, den Kritiker_innen von Singer vorzuwerfen, sie würden Nazi-Vergleiche anstellen, was tatsächlich eher selten vorkommt, aber zu kritisieren ist. Es ist tatsächlich unsäglich, Singer einen Nazi-/Faschismus-Vorwurf zu machen; nicht nur, aber auch aufgrund seiner Biografie – Vorwürfe solcher Art sollten stets scharf zurückgewiesen werden. Nicht nur, weil sie inhaltlich falsch sind und den NS relativieren, sondern auch, weil sie Singer stets eine weitere Möglichkeit eröffnen, seinen Diskurs als Objekt einer völlig absurden Diskriminierung zu inszenieren, die nur durch intensiviertes Zuhören und uneingeschränktes Ernstnehmen wieder ausgeglichen werden kann. Außerdem hat sich mal jemand angeblich wegen der Protest umgebracht, der muss jetzt auch für das Rumopfern von Herrn Neussel herhalten…

Zu einem Kurzvortrag „Gegenseitige Rücksichtnahme und Toleranz in einer pluralistischen Gesellschaft“ gibt sich Wolf-Michael Catenhusen, Stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Ethikrates her. Das bedauern wir ausdrücklich, hoffen aber, Herr Catenhausen schaut sich in Vorbereitung auf seinen Vortrag noch mal Singers Schriften an und stellt fest, dass es davor fehlender Rücksichtnahme nur so wimmelt… Der Vorwurf der fehlenden Toleranz an die Kritiker_innen von Singer ist ein perfider Versuch der  Delegitimierung der Kritik. Die Proteste sind Teil einer politischen Auseinandersetzung, in der symbolische Aktionen (Besetzungen, Unterschriftensammlungen, …) eingesetzt werden. Es ist ziviler Ungehorsam, der nicht den Staat hinter sich im Rücken hat. Singer hat in der Zeit, in Büchern des Suhrkamp- und Reclam-Verlags eine Plattform und ist einer der meistrezipiertesten Philosophen weltweit. Von mangelnder ‘Rücksichtnahme und Toleranz’ kann von daher mitnichten die Rede sein. Anliegen des Protestes gegen Singer ist eine Grenzziehung: Hier gewinnt die Verrohung des Denkens, die Etablierung der Diskriminierung und die Festschreibung des Ressentiments bedrohliche Dimensionen. Diese Grenzziehung steht in maximalem Widerspruch zu Theorie und Praxis von faschistischen/nationalsozialistischen Organisationen.

Für einen weiteren Kurzvortrag zu ,,Animal-Protection in lndia” wird Mrs. Maneka Gandhi, Tierrechtlerin und indisches Regierungsmitglied eingeflogen. Hier hat wohl jemand die halbe Welt nach Legitimitätsbeschaffer_innen abgesucht. Vielleicht wurde Frau Gandhi aber auch der nächste Preis versprochen…

Dann soll es mit der Preisverleihung weitegehen, wie ursprünglich geplant, äh, außer dass der Laudator abgesagt hat…

Wir warten gespannt auf weitere Ankündigungen…

Neuigkeit 1: Schmidt-Salomon sagt Laudatio ab

Der Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung, Michael Schmidt-Salomon, hat seine Beteiligung am Festakt zur Verleihung eines Tierrechtspreises an den “Euthanasie”-Befürworter Peter Singer abgesagt. Eigentlich wollte er die Laudatio halten und hatte Singer in den letzten Tagen wiederholt gegen Kritik in Schutz genommen: Alle die grundsätzliche Kritik an Singer übten, seien “auf die Propaganda christlich-fundamentalistischer ‘Lebensschützer’ hereingefallen und [hätten] sich vor den Karren extrem rechter Interessengruppen spannen lassen”.

Jetzt hat Schmidt-Salomon angeblich wegen Singers Aussagen in der NZZ von Sonntag eine Kehrtwende vollzogen und behauptet nun Singer habe seine Position geändert. Teilweise gibt er nun zu, was die Kritiker seit Jahrzehnten problematisieren. Die erhitzte Debatte auf facebook zeugt davon, dass auch die Fans von Schmidt-Salomon diesen Wandel als etwas abrupt empfinden: fadenscheinige Begründung, Versuch ein unausweichliches PR-Desaster abzuwenden, taktisch usw. usf. Wir können der GBS und ihren Ablegern nur wünschen, dass diese Vorgänge produktive interne Debatten auslösen.

Auf ein Detail müssen wir aber noch kurz eingehen: Michael Schmidt-Salomon zeigt sich besonders schockiert von dieser Aussage: Auf den Einwand der Interviewerin Nina Streeck, durch eine weitere Verbreitung der Sterbehilfe „könnte Druck auf alte Menschen entstehen, sich selbst das Leben zu nehmen“, antwortete Singer: „Das kann passieren. Empfindet sich jemand als Belastung für seine Familie, ist es nicht unbedingt unvernünftig, dass er sein Leben beendet. Wenn seine Lebensqualität eher schlecht ist und er sieht, wie seine Tochter viel Zeit aufwendet, um sich um ihn zu kümmern, und dabei ihre Karriere vernachlässigt, dann ist es vernünftig, ihr nicht weiter zur Last fallen zu wollen.“ Michael Schmidt_Salomon stellt daraufhin “klar”, es gebe “in keiner Gesellschaft, die Sterbehilfe legitimiert hat, einen erhöhten Druck auf alte Menschen, sich selbst zu töten.”

Das ist offensichtlich nicht wahr. Wir empfehlen dazu die Lektüre von Gerbert van Loenen, der sich intensiv damit beschäftigt hat, welche Unterschiede die Legalisierung der Sterbehilfe in den Niederlanden macht: “Die Niederlande haben sich zutiefst geändert seitdem die aktive Sterbehilfe und die Beihilfe zur Selbsttötung legalisiert worden sind. Die Art und Weise wie man Leid umgeht, und, wichtiger noch, die Art und Weise wie man mit leidenden Menschen umgeht, sind nicht mehr wie sie waren.” mehr

Jetzt erst recht: 2. PM des Bündnis

Zweite Pressemitteilung, 25.5.2015
Kein Forum für den „Euthanasie“-Befürworter Peter Singer!

Zur Protestkundgebung gegen die Verleihung eines Preises an Peter Singer
Dienstag, 26.5.2015, ab 17.00 Uhr, Urania Berlin

Aufforderungen an die Urania, die Preisverleihung in ihren Räumen abzusagen

Peter Singer vertritt menschenverachtende Positionen; er wertet Menschen ab, um Tiere aufzuwerten und fordert die Legalisierung der Tötung behinderter Menschen. Die Urania wurde von verschiedenen Seiten aufgefordert, die Veranstaltung in ihren Räumen abzusagen. In diesem Sinne haben der Verein „ambulante Dienste“ e.V., die Studierendenvertretungen der Bundesfachschaftentagung „Generation Inklusion“, die behindertenpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion der Linken, Katrin Werner, und andere Personen und Organisationen Stellung bezogen (hier und hier). Die Urania ist diesen Aufforderungen bisher nicht nachgekommen. Die durch öffentliche Institutionen und private Unternehmen geförderte Einrichtung, die sich der Vermittlung „wissenschaftlicher Bildung“ verschrieben hat, gibt Peter Singer und seinen Positionen offenbar bewusst ein Forum.

Die Grenze der Redefreiheit

Unser Aktionsbündnis setzt seinen Protest fort, weil das Lebensrecht Behinderter nicht öffentlich in Frage gestellt werden darf. Peter Singer und seine Anhänger_innen meinen, durch den Protest und die Forderung, die Veranstaltung abzusagen, werde die Redefreiheit verletzt. Doch Redefreiheit muss ihre Grenze haben, wenn Redner Positionen vertreten, mit denen die Tötung von Menschen gerechtfertigt oder verlangt wird.

Das Aktionsbündnis lehnt die Einladung der Urania zu einer Stellungnahme bei der Preisverleihung ab, um dieser Veranstaltung nicht den Anschein von Legitimität zu verleihen.

Eine Leugnung der Vorwürfe ist nicht haltbar

Einer der Laudatoren, Michael Schmidt-Salomon, Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung, reagiert völlig unangemessen auf die öffentliche Kritik, indem er schlicht leugnet, dass Singer für die Legalisierung von „Euthanasie“ eintritt. Dabei sind diese Positionen unzweideutig in Singers Werken nachzulesen. Auf seiner Homepage hat das Aktionsbündnis zahlreiche Belege gesammelt.

Gegen „Euthanasie“-Befürworter und „Lebensschützer“

Schmidt-Salomon und andere Anhänger_innen Singers versuchen, den Protest zu diskreditieren, indem sie ihn in die Nähe christlich-fundamentalistischer „Lebensschützer“ rücken. Das Aktionsbündnis grenzt sich jedoch eindeutig von den „Lebensschützern“ ab und verteidigt insbesondere das Recht von nichtbehinderten und behinderten Frauen auf Schwangerschaftsabbruch. In unserem Aktionsbündnis sind Feministinnen ebenso vertreten wie Aktivist_innen der Behindertenbewegung. Bereits in den 1990er Jahren haben Gruppen aus der Behindertenbewegung, dem Feminismus, der Linken, der „Euthanasie“-Geschädigten und Zwangssterilisierten sowohl gegen öffentliche Auftritte Peter Singers als auch gegen die Umtriebe von „Lebensschützern“ demonstriert.

Weitere Proteste

Gegen einen Auftritt Singers in Köln am 31.5.2015 rufen Personen und Institutionen vor Ort zum Protest auf. Anlässlich von Aussagen zur „Euthanasie“ in einem Radiointerview fordert die US-Bürgerrechtsorganisation „Not Dead Yet“ die Entlassung Singers als Professor der Universität Princeton.

Peter Singer und der Zeitgeist: Das herrschende Nützlichkeitsdenken

Singer verbrämt seine utilitaristische Philosophie zum Ausdruck von „Mitgefühl“ und größtmöglichem „Glück“. Dass sie heute wieder öffentlich diskutiert werden soll, halten wir für symptomatisch. Die Popularität und Anschlussfähigkeit seiner Thesen kann nicht nur auf die Aktivitäten Singers zurückgeführt, sondern muss vor einem gesellschaftlichen Hintergrund problematisiert werden. Obwohl allerorten viel von „Inklusion“ die Rede ist, herrscht ein gesellschaftlicher Trend vor, Menschen nach ihrem „Wert“, ihrer „Nützlichkeit“ und nach ihrer Fähigkeit zur „Selbstoptimierung“ zu beurteilen. Wer diesen Kriterien nicht zu genügen scheint, wird als zu beseitigendes Problem wahrgenommen. Dieser Trend zeigt sich unter anderem auch in den aktuellen Debatten zur Liberalisierung von ärztlicher „Sterbehilfe“ – auch im Zusammenhang mit lang andauernder Pflegebedürftigkeit als angeblicher „Last“ für die Gesellschaft. Auch hier soll vermeintliches Leid um jeden Preis, und sei es den des eigenen Lebens, gemindert werden.

Singers philosophische Grundlage, die Unterscheidung zwischen „Personen“, die auch Tiere sein können und „Wesen“, die auch Menschen sein können, ist nicht diskussionswürdig und erst recht keinen Preis wert! Singer hält es für möglich, von außen zu entscheiden, „ob ein Leben besser oder schlechter ist“. Er bezeichnet ein Leben mit Trisomie 21 („Down-Syndrom“) als „weniger lebenswert“, wenn die Eltern „leiden“ und wenn sie „Erwartungen hatten, die sich nicht erfüllen [….]“ (Neue Züricher Zeitung, 24.5.2015). Eine Einteilung von „lebenswertem“ und „nicht lebenswertem“ Leben anhand externer, vermeintlich objektiver Kriterien ist menschenverachtend und in letzter Konsequenz behindertenfeindlich!

Deshalb fordern wir weiterhin: Kein Forum für den „Euthanasie“-Befürworter Peter Singer!

Zu Michael Schmidt-Salomon und der Giordano-Bruno-Stiftung

Uns erreichte ein Brief mit Bitte um Veröffentlichung:

Neues und Altes vom Herrn Schmidt-Salomon: Aus der Welt des Vorstandssprechers der Giordano-Bruno-Stiftung

Michael Schmidt-Salomon war kürzlich im sonnigen Griechenland, um sein neues Buch zu vermarkten und damit ein paar Griech_innen die letzten Euros aus der Tasche zu ziehen. Kaum zurückgekehrt, poltert er gegenüber dem sogenannten Humanistischen Pressedienst über die Gemeinheiten der Linken. Dass Linke und Behinderte sein Idol Peter Singer kritisieren und gegen dessen öffentlichen Auftritt protestieren, „schockiert“ und „beschämt“ diesen rechtschaffenen Propheten des „evolutionären Humanismus“… Er versteht die Welt nicht mehr, aber wir helfen gern.

Nicht lustig: Michael Schmidt-Salomon schreibt Bücher und hat für einen Pressedienst gearbeitet. Trotzdem bereitet ihm verstehendes Lesen offensichtlich ernsthafte Schwierigkeiten. Anders ist es nicht zu erklären, warum er nicht wahrhaben will, dass sein Idol ausdrücklich für „Euthanasie“ und für die Tötung Behinderter plädiert, obwohl dies leicht in unzweideutig geschriebenen Formulierungen Singers nachzulesen wäre. Schmidt-Salomon ringt ernsthaft um seinen Personenstatus, zu dem, wie wir dank Singer wissen, „Reflexionsfähigkeit“ gehört. Seit Jahren wiederholt der Handlungsreisende in Sachen Singer dasselbe, ohne neue Informationen aufnehmen zu können.

Doch lustig: Sie lesen einen Blog, dessen Adresse no218nofundis lautet. Wie man unschwer erkennen kann, wenn man sich die Mühe macht, die Seitenspalte und die Einträge zu lesen, ist das ein feministischer Blog gegen „Lebensschützer“ und Abtreibungsverbot. Herr Schmidt-Salomon behauptet, die Linken, die gegen Singer protestieren, seien „auf die Propaganda christlich-fundamentalistischer ‘Lebensschützer’ hereingefallen“ und hätten „sich vor den Karren extrem rechter Interessengruppen spannen lassen“ – und das seit Jahrzehnten!

Herr Schmidt-Salomon meint, einem Riesenskandal auf der Spur zu sein: Nicht nur die leicht beeinflussbaren Behinderten, sondern sogar die Linken sind von den “Lenbensschützern” beeinflusst! Unglaublich! Tja, wahrscheinlich ist es so unglaublich, weil es ausgemachter Mist ist. Sowohl Behinderte als auch Linke (und behinderte Linke und linke Behinderte) nehmen Singers Werke zur Kenntnis und bilden sich selbst ein Urteil. Dass dieses Urteil anders ausfällt, als das von Schmidt-Salomon und seinen Jünger_innen mag daran liegen, dass sie gründlicher gelesen haben.

Die immer wieder geäußerte Behauptung, vor allem „Lebenschützer“ würden Singer kritisieren, soll nur die Kritik diskreditieren. Nur weil Hubert Hüppe, in der Tat ein bekennender „Lebensschützer“, auch gegen Singer ist, heißt das ja nicht, dass alle anderen seine Meinung übernommen haben. Vielleicht ist Hüppe ja von den Behinderten manipuliert worden? Als ehemaliger Behindertenbeauftragter der Bundesregierung war er ihnen oft ausgesetzt…

Fun-Fact: Herr Schmidt-Salomon behauptet, dass die von „Peter Singer vorgenommene Unterscheidung zwischen menschlichen Personen und nicht-personalem menschlichen Leben notwendig ist, um die Straffreiheit des Schwangerschaftsabbruchs zu legitimieren.“

Auch hier machen unserem Propheten, ähh, Philosophen seine Wissenslücken offensichtlich schwer zu schaffen. Aber, wie gesagt, wir helfen gern. Man kann davon ausgehen, dass es einen Unterschied macht, ob wir von einem Fötus in einem anderen Körper oder von einem geborenen Baby sprechen. Wir geben zu, das ist nicht einfach zu begreifen für Herrn Schmidt-Salomon: Einen Unterschied zu machen zwischen einem geborenen Menschen, den man nicht töten darf, und einem ungeborenen Menschen, dessen Leben mit dem der Schwangeren verbunden ist. (Lasst uns jetzt bitte nicht über Spätabbrüche diskutieren, oder wenn: selbst wenn der Fötus schon lebensfähig sein sollte, steckt er immer noch im Körper der Frau, ergo: ihre Entscheidung.) Feministinnen haben sich schon immer auf die Geburt als definitive Grenze bezogen. Das mag manchem Philosophen, die lieber über die „wertende Unterscheidung zwischen den personalen Interessen der Mutter und den nichtpersonalen Interessen des Embryos bzw. Fötus“ nachdenken, etwas platt erscheinen, funktioniert aber sehr gut, es macht einen überhaupt nicht gemein mit „Lebensschützern“ – denen im allgemeinen bei der Lektüre dieses Blogs die Haare zu Berge stehen dürften! Singer und sein gläubiger Anhang finden diese Grenze willkürlich und wollen sie gern weiter hinausschieben. Singer macht auch gar keinen Hehl aus seinem Motiv. Er möchte Eltern und Ärzten die Gelegenheit geben, sich für das Umbringen der Babys zu entscheiden, deren Behinderung man bei der Pränataldiagnostik nicht entdeckt hat oder entdecken konnte… Und man kann durchaus gegen das Abtreibungsverbot sein und trotzdem selektive Abbrüche angesichts des „falschen Geschlechts“ oder des „falschen Körpers“ für ein ernstes Problem halten.

Wir haben uns ja sehr bemüht, Herrn Schmidt-Salomon angesichts seiner mangelnden Reflexion in seinem Ringen um den Personenstatus zu unterstützen, aber vor so viel Elend müssen wir doch die Hände überm Kopf zusammenschlagen: Leute, die es für inkonsistent halten, für das Recht auf Abtreibung, aber gegen PID und PND zu sein, und die zugleich Peter Singer mit seinen Totschlag-Argumenten in heiligem Eifer zum „mitfühlendsten Denker unserer Zeit“ ausrufen, diese Leute sind mit Argumenten offensichtlich nicht erreichbar.

Protestnoten gegen Singer-Auftritt

“Urania Berlin e.V.

Sehr geehrter Herr Dr. Bleyer,

am Dienstag, den 26. Mai, soll in Ihren Räumlichkeiten der weltweit als Apologet der Tötung behinderter Menschen bekannte Dr. Peter Singer einen Preis verliehen bekommen. Wir sind empört und entsetzt, dass Sie sich dafür zur Verfügung stellen.

Wir sind ein Verein, der seit mehr als drei Jahrzehnten persönliche Assistenz für behinderte Menschen anbietet, eine Form der Hilfe, die auch Menschen mit hohem Hilfebedarf ermöglicht, ein Leben außerhalb einer Einrichtung zu führen und am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Dr. Singer hat sich im hessischen Rundfunk 2009 explizit auch zu dieser Form der Hilfe geäußert – nämlich, dass sie zu viel Geld koste, welches zum Beispiel notleidende Menschen in der Dritten Welt dringender bräuchten. Eine solche Haltung, die die Schwachen zueinander in Konkurrenz setzt, anstatt darauf zu sehen, welchen Beitrag hier die Privilegierten und Starken leisten müssen, ist in brutalster Weise sozialdarwinistisch und verlässt den Boden eines humanen und solidarischen Miteinanders. Singers vermeintliches Engagement für mehr Rechte von Tieren erfolgt auf der Basis einer Theorie, die einerseits manche Tiere zu Personen erklärt, gleichzeitig aber das Lebensrecht von Menschen zur Disposition stellt, wenn sie nach den Kriterien Singers keine Person sind, weil sie z.B. kein Bewußtsein von sich selbst haben. Beides ist in Singers Präferenzutilitarismus allerdings nicht voneinander zu trennen. Mitleid für Tiere in welcher Form auch immer darf nicht auf Kosten von Menschenleben gehen. Unser Lebensrecht ist nicht diskutierbar.”
Wir fordern Sie auf, diese Veranstaltung abzusagen.
Uta Wehde, Geschäftsführung
Ursula Aurien für den Vorstand
Verein ambulante dienste e. V.

Piratenfraktion Berlin, 22.5.15: Keine Stimme für Peter Singer – Lebensverachtenden Aussagen entgegentreten “Es ist unerträglich, dass den lebensverachtenden Aussagen Singers in Berlin eine Bühne geboten wird. Eine Differenzierung zwischen ‚echtem‘ und unwertem Leben ist vollkommen indiskutabel.”

 

Corinna Rüffer, Grüne MdB, 20.5.15: Kein Preis an Peter Singer! “Singer hat in seinen Büchern und Interviews immer wieder das Lebensrecht behinderter Kinder in Frage gestellt. Er plädiert u.a. dafür, die Tötung schwerbehinderter Neugeborener unter bestimmten Bedingungen zu erlauben und behinderten Säuglingen Leistungen des öffentlichen Gesundheitssystems zu entziehen. Wer solche Positionen vertritt hat – bei allen Verdiensten um Tierschutz und Minderung von Tierleid – Protest verdient, keine Preise.”

 

Katrin Werner, Linkspartei, MdB,18.05.2015: Kein Platz für Behindertenfeindlichkeit “Was wir in Deutschland brauchen ist eine Debatte, wie wir eine inklusive Gesellschaft herstellen können. Wir brauchen eine Debatte darüber, wie alle Menschen, ob mit oder ohne Behinderung, gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Wir müssen die Barrieren, die Menschen mit Behinderungen an einer gleichberechtigten Teilhabe hindern, abbauen. Das gehört in den Mittelpunkt unserer gesellschaftlichen Auseinandersetzung. Peter Singer ist entgegen vieler Behauptungen nie von seinen Ansichten abgerückt. Die Berliner Urania sollte daher ihre Räumlichkeiten für diese Veranstaltung nicht zur Verfügung stellen.”

 

Wi(e)der Peter Singer! Stellungnahme der über die Bundesfachschaftentagung ›Generation Inklusion‹ verbundenen Studierendenvertretungen, 13.05.15 “Hier wird eine biologistische Weltanschauung Singers deutlich, die sich einerseits in einem Verständnis von Lebensqualität als quantifizierbar und gegeneinander abwägbar ausdrückt, und zum anderen im naturalistischen Dogma einer angenommenen Bildungsunfähigkeit (schwer) beeinträchtigter Menschen.”

 

ISL: Die Grüße der Ungewollten, anlässlich der Verleihung des Ethik-Preises der Giordano-Bruno-Stiftung an Peter Singer 2011